Die Religionspädagogik steht vor einer grundlegenden Herausforderung: Wie kann sie sich als normative praktische Wissenschaft in die öffentlichen Debatten der Spätmoderne einbringen, ohne dabei ihren Wahrheitsanspruch zu unterschätzen oder zu überschätzen? Der Artikel von Bernhard Grümme geht dieser Frage nach, indem er die gegenwärtigen Anforderungen an Wissenschaftskommunikation systematisch analysiert und eine Antwort in einer diskursiv-normativen Positionierung der Religionspädagogik sucht.
Der Problemhorizont ist dabei hochkomplex: Während die Installation „GehorcheKeinem" an der Universitätsbibliothek Münster noch immer für kontroverse Debatten sorgt, zeigt sich in der Coronapandemie eine problematische Umkehrung aufklärerischen Denkens – aus kritischem Querdenken wurde Wissenschaftsverleugnung. Experten wie der Virologe Christian Drosten demonstrierten einerseits gelungene Wissenschaftskommunikation durch Elementarisierung komplexer Inhalte, wurden andererseits aber auch Ziel aggressiver Anfeindungen. Diese Erfahrungen werfen Fragen zur Legitimität und Verantwortung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit auf, insbesondere gegen die Gefahr eines „autoritären Szientismus" (Peter Strohschneider).
Grümme identifiziert drei analytische Ebenen der Wissenschaftskommunikation: eine deskriptive Ebene, die empirisch analysiert; eine postulatorische Ebene, die öffentliches Engagement einfordert; und eine normative Ebene, die Ziele und Methoden reflektiert. Aktuelle Leitlinien von Bund und Bundestag fordern eine systematische Verankerung von Wissenschaftskommunikation, etwa durch die Förderung von Professionalisierung und Kompetenzaufbau bis hin zu qualifiziertem Wissenschaftsjournalismus. Das Ziel: Wissen als Grundlage für demokratische Entscheidungen bereitstellen, gegen Desinformation wirken und Vertrauen in Wissenschaft stärken.
Doch was bedeutet dies konkret für die Religionspädagogik? Der Artikel argumentiert für eine „Öffentliche Religionspädagogik", die sich im Modus alteritätstheoretischer Vernunft diskursiv-dialogisch artikuliert – weder in normativer Enthaltsamkeit noch in direktem gesellschaftlichem Zugriff, sondern in einer Öffentlichen Politischen Theologie, die ihre theologisch-biblische Spezifik bewahrt und zugleich für die breite Öffentlichkeit verständlich und im Dienste der Demokratie relevant wird. Dies erfordert Hermeneutik statt Positivismus und selbstkritische Reflexion statt Dominanzbestrebungen.