Christian M. Rutishauser würdigt in seinem Kommentar zur Enzyklika „Fratelli tutti" von Papst Franziskus deren wegweisendes Potenzial für eine Theologie der Geschwisterlichkeit. Das Dokument, das fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung neu gelesen wird, bietet eine umfassende Vision für menschliches Zusammenleben jenseits von Grenzen und Konfessionen. Im Zentrum steht die Idee, dass alle Menschen Geschwister sind und diese Erkenntnis konkrete Konsequenzen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben muss.
Die Enzyklika kritisiert scharf die gegenwärtigen Strukturen von Ungerechtigkeit, Armut und Ausbeutung. Sie fordert eine Neuorientierung ökonomischer Systeme, die Menschen an den Rand drängen, sowie eine Überwindung der Kultur der Indifferenz. Besonders bedeutsam ist Franziskus' Plädoyer für einen offenen interreligiösen Dialog als Mittel zur Friedensstiftung und zur Überwindung fundamentalistischer Verhärtungen. Die Enzyklika positioniert sich gegen Populismus, Nationalismus und jede Form von Ausgrenzung und setzt dagegen eine Kultur der Begegnung, des Dialogs und der gegenseitigen Anerkennung.