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feinschwarzStefan Hunglinger

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Stefan Hunglinger

Die Vulva Jesu

Veröffentlichung:1.5.2026

Elke Pahud de Mortanges untersucht in ihrem Buch „Bodies of Memory and Grace" den Körper als primären Gedächtnisort des Christentums und plädiert ausgehend von der Fotografie einer trans Frau für die Anerkennung queerer Menschen im Christentum.

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Das neue Buch der Theologin Elke Pahud de Mortanges „Bodies of Memory and Grace" setzt sich grundlegend mit der Rolle des Körpers in den Erinnerungskulturen des Christentums auseinander. Ausgangspunkt ist die Fotografie der trans Frau Gaby aus Lima, die mit einer Dornenkrone dargestellt wird. Pahud de Mortanges argumentiert dezidiert katholisch gegen die lutherische Tradition des Sola scriptura und behauptet, dass der Körper – nicht das geschriebene Wort – der eigentliche Gedächtnisort des Christentums ist. Das Wort sei Fleisch geworden, nicht Buch. Das Werk zeichnet sich durch eine weltumspannende Perspektive aus und untersucht „individuelle und überindividuelle Formen des Embodiment" in christlichen Erinnerungskulturen der Levante, der Philippinen, Mexikos und Perus. Pahud de Mortanges, die als Professorin für Dogmatik tätig ist, tritt hier eher als Kulturwissenschaftlerin auf und nutzt hermeneutische Werkzeuge der Assmanns und Judith Butlers. Sie deutet mittelalterliche Darstellungen der Seitenwunde Jesu als Vulva um, interpretiert die asketischen Praktiken von Heinrich Seuse und Klara von Assisi nicht als Fleischverneinung, sondern als intensive körperliche Erfahrung, und zeigt, wie moderne Künstler wie Frida Kahlo und Marina Abramović christliche Körpermotive fortgeschrieben haben. Das reich bebilderte Buch kulminiert in einem Plädoyer für die Anerkennung queerer Menschen innerhalb des Christentums. Gaby wird dabei als „body of memory" gelesen – als Verkörperung einer gefährlichen Erinnerung, die dem hegemonialen Christentum ein Stachel im Fleisch ist. Ihre weiße Kleidung verweist auf die Jungfrau Maria, doch trägt sie nicht das Kind Jesus, sondern die Dornenkrone des gedemütigten erwachsenen Jesus. Das Buch ist keine theologische Abhandlung im klassischen Sinne, sondern eine überraschende, stachelige und vorwärtsgewandte Spurensuche.

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