Der Artikel von August H. Leugers-Scherzberg zieht überraschende Parallelen zwischen der kirchlichen Situation beim Tod Johannes' XXIII. im Juni 1963 und der gegenwärtigen Lage unter Papst Franziskus. Ein Spiegel-Nachruf von 1963 beschreibt eine Kirche in der Defensive, die durch Verbote und Vorschriften zu einem „Getto" geworden war, während die Gläubigen längst eigene Freiheiten praktizierten. Diese Diagnostik lässt sich nach Meinung des Autors eins zu eins auf die Zeit vor Franziskus' Amtsantritt übertragen.
Johannes XXIII. wurde als Papst des „Aufbruchs" gefeiert, der einen freieren Geist in die Kirche brachte und das starre Zeremoniell durchbrach. Er stieß dabei auf erbitterten Widerstand in der Kurie und wurde von konservativen Kreisen scharf angegriffen. Doch der Artikel betont auch die Grenzen seiner Reformtätigkeit: Entscheidungen bei Exegese, Lateinfrage oder zur Arbeiterpriesterbewegung werden beschönigt dargestellt. Nach seinem Tod stellte sich die zentrale Frage, ob ein konservativer oder progressiver Nachfolger gewählt würde.
Die entscheidende Frage des Autors lautet: Warum kehrte die Kirche 50 Jahre später in denselben Zustand vor Johannes XXIII. zurück – obwohl nicht konservative Hardliner, sondern gemäßigte Reformer wie Montini, Ratzinger und Wojtyła die Nachkonzilszeit bestimmten? War das Zweite Vatikanum in sich zu zaghaft oder ist die katholische Kirche strukturell irreformabel?