Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes markiert einen Wendepunkt im kirchlichen Selbstverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie hebt die historische Trennung zwischen dogmatischem Lehramt und pastoraler Lehrtätigkeit auf und etabliert stattdessen ein „Lehramt von vorrangig pastoralem Charakter", wie Johannes XXIII in seiner Eröffnungsansprache beschworen hatte. Dies manifestiert sich in einer grundlegenden Identifikation der Kirche mit den Sorgen und Fragen der Menschen ihrer Zeit – ihren Kämpfen um Würde, Rechte und Zukunft. Die Konstitution verpflichtet die Kirche zur aktiven Mitarbeit an der Lösung gegenwärtiger Probleme, was eine Art „katholischer Selbstprotestantisierung" darstellt, insofern sie jeden Menschen als von Gott durch eine persönliche Berufung unmittelbar angerufen versteht. Zentral ist die theologische Kategorie der „Zeichen der Zeit", die es dem Glauben ermöglicht, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen.
Während Johannes Paul II und Benedikt XVI Gaudium et spes eher marginal behandelten oder ablehnten, hat Papst Franziskus sie zur entscheidenden Bezugsgröße erhoben. Entscheidend ist jedoch, dass die Glaubwürdigkeit dieser Konstitution nicht von kirchlicher Autorität allein abhängt, sondern von den Zeitgenossen selbst – den Menschen der jeweiligen Gegenwart. Sie sind das „Siegel" ihrer Aussagen, in Anlehnung an Paulus' Aussage zu den Korinthern. Ohne die Autorisierung durch die zeitgenössischen Menschen kann die Kirche nicht überzeugend von Gott sprechen. Dies schließt ausdrücklich auch jene ein, die dem Glauben kritisch gegenüberstehen, denn ihre Einwände sind ernst zu nehmen. Die pastoralen Papstreisen sind zu Kontaktzonen geworden, in denen dieses Lehramt respektiert wird. Gaudium et spes bietet damit nicht nur einen Ersatz für andere Konzilstexte, sondern die grundlegende Grammatik, warum das Konzil bleibend relevant bleibt: Sie drückt aus, dass die Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Angst der Menschen von heute unmittelbar die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi sind.