Kirchengeschichte ist eine der vier theologischen Teildisziplinen und befasst sich mit der Geschichte des Christentums. Der Artikel erörtert die wissenschaftstheoretische Bestimmung dieser Disziplin, die sich zwischen zwei Extrempositionen bewegt: einem theologisch-dogmatischen Ansatz, der die Kirche als unveränderliche, von Christus gegründete Größe versteht, und einem historisch-empirischen Ansatz, der die Kirche als innerweltliche Institution betrachtet. Auf katholischer Seite war lange ein heilsgeschichtliches Verständnis vorherrschend, das Kirchengeschichte als Geschichte des Wachstums der Kirche in Raum und Zeit verstand. Auf evangelischer Seite dominierte Gerhard Ebelings Ansatz der Kirchengeschichte als Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift, was sich später zu einer Geschichte des Christentums und seiner Wirkungen ausweitet. Methodisch unterscheidet sich Kirchengeschichte nicht von der allgemeinen Geschichtswissenschaft, wendet sie doch die historisch-kritische Methode zur Quellenanalyse an. Das Spezifikum der Kirchengeschichte liegt in ihrer umfassenden Geschichtstheorie und dem hermeneutischen Standpunkt des christlichen Glaubens, von dem aus Kirchenhistoriker Geschichte interpretieren. Der Artikel verdeutlicht, dass alle historische Interpretation konstruktiven Charakter hat und von der Position der Historikerin oder des Historikers abhängt. Die theologische Relevanz der Kirchengeschichte ergibt sich aus dem Charakter des Christentums als Offenbarungsreligion, in der Erinnerung an die Offenbarung konstitutiv ist. Kirchengeschichte ist theologisch notwendig, um das Christentum als historisch gewordene Größe zu verstehen und ermöglicht methodisch abgesicherte Rückfragen an die gegenwärtige Glaubenspraxis.