Der Artikel behandelt die Lebenswelt als zentrales Konzept der Sozialphänomenologie, das von Edmund Husserl erstmals systematisch ausgearbeitet wurde. Husserl versteht die Lebenswelt als notwendige Bedingung und unhinterfragter Horizont aller Wahrnehmung, Erkenntnis und Handeln im alltäglichen Leben. Sie ist geprägt durch subjektive Perspektivität, kulturelle Vorprägung, symbolische Bedeutungen und biographische Ressourcen, die dem Bewusstsein selbstverständlich gegeben sind, ohne thematisiert zu werden. Dieser Erkenntnisweise der doxa (alltägliche Wahrnehmung) stellt Husserl die wissenschaftlich-objektive Erkenntnisweise (episteme) gegenüber, die Subjektbezüge eliminiert und eine totale Welt reiner Idealitäten schafft. Diese Loslösung von subjektiven Sinnbezügen führt zu einer Sinnkrise, die die Wissenschaft selbst nicht lösen kann. Alfred Schütz entwickelt Husserls Konzept weiter und untersucht die Konstitution gemeinsam geteilter lebensweltlicher Sinnstrukturen im sozialen Handeln. Mit William James unterscheidet er multiple Realitäten (Traum, Phantasie, Religion, Kunst), wobei der Alltag als paramount reality die grundlegende Sinnwelt darstellt. Peter Berger und Thomas Luckmann analysieren die gesellschaftlich-historische Konstruktion von Wirklichkeit und zeigen, wie Menschen ihre Realität in Kommunikation stets neu konstruieren, wobei diese Konstruktionen bereits durch Gesellschaft, Sprache und Symbolwelt vorgeprägt sind. Der Artikel dokumentiert die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung des Lebensweltkonzepts als Grundlage verschiedener Forschungszweige wie Ethnomethodologie, Symbolischer Interaktionismus und die Alltagswende in den 1970er Jahren.