Der Artikel dokumentiert die Entwicklung und Bedeutung des Weltethos-Konzepts, das Hans Küng 1990 initiierte. Küngs zentrale These lautet: "Kein Überleben ohne ein Weltethos" und adressiert damit die Notwendigkeit einer globalen ethischen Grundlage angesichts von Weltkrisen, ökologischen Problemen und religiös-ethnischen Konflikten. Die daraus resultierende Weltethos-Erklärung wurde 1993 vom Parlament der Weltreligionen in Chicago angenommen und stützt die UN-Menschenrechtserklärung durch ethische Grundverpflichtungen. Das Kernstück bilden vier unverrückbare Weisungen (ursprünglich von der 2. Tafel des Dekalogs und buddhistischen Laiengeboten inspiriert), die sich auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, Solidarität, Toleranz und Gleichberechtigung beziehen; 2018 wurde eine fünfte Weisung zur Nachhaltigkeit hinzugefügt. Jede Weisung ist strukturiert durch Situationsbeschreibung, Grundkonzeption, pädagogische Aufgaben und erforderliche Grundeinstellungen. Das Weltethos-Projekt ist religions- und weltanschauungsübergreifend konzipiert und plausibel auch für nichtreligiöse Menschen. Seit 1995 gibt es die Stiftung Weltethos in Tübingen und weitere Institutionen weltweit; diese Initiativen befassen sich mit Konkretisierungen in verschiedenen Handlungsfeldern wie Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Erziehung. Der Artikel betont, dass verschiedene Religionstraditionen komplementäre und spezifische Grundlagen und Motivationen für die Bewältigung globaler Herausforderungen bieten.