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Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH

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Mütter machen Geschichte: Die Frauen im Stammbaum Jesu

Veröffentlichung:1.1.2019

Der Praxisteil wurde von Barbara D. Leicht unter dem Titel: „Mütter machen Geschichte: Die Frauen im Stammbaum Jesu“ verfasst. Der Text umfasst vier Seiten und behandelt den Stammbaum Jesu in Mt 1,1 bis 17. Im Mittelpunkt stehen Tamar, Rahab, Rut und Batseba. Diese vier Frauen haben ungewöhnliche Lebensgeschichten und werden dennoch zu wichtigen Ahnfrauen Jesu. Der Text zeigt, dass Gottes Verheißungsgeschichte auch durch Menschen weitergeführt wird, die gesellschaftliche Grenzen überschreiten, ausgegrenzt werden oder unerwartete Lebenswege gehen.

Theologisch behandelt der Text vor allem die Frage nach dem Handeln Gottes in der Geschichte, die Bedeutung von Frauen in der Heilsgeschichte, die Rolle gesellschaftlich ausgegrenzter Menschen und das Verhältnis zwischen menschlichem Handeln und göttlicher Verheißung. Ein weiteres theologisches Problem ist die Frage, ob Gottes Wirken nur im Vertrauten, Geordneten und religiös Erwartbaren gesucht werden darf. Der Text beantwortet diese Frage kritisch und betont, dass gerade das Unerwartete und Irritierende zu einem Ort des Handelns Gottes werden kann. Damit verbindet sich die Frage nach einer offenen christlichen Identität.

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Der Praxisteil beschäftigt sich mit dem Stammbaum Jesu am Anfang des Matthäusevangeliums. Matthäus ordnet Jesus durch diesen Stammbaum in die lange Geschichte Israels mit Gott ein. Auffällig ist, dass in der langen Reihe männlicher Vorfahren auch vier Frauen ausdrücklich genannt werden. Dabei handelt es sich nicht um die bekannten Erzmütter Sara, Rebekka und Rahel, sondern um Tamar, Rahab, Rut und Batseba. Ihre Lebensgeschichten verlaufen ungewöhnlich und entsprechen teilweise nicht den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit. Der Text macht gerade diese Besonderheit zum Ausgangspunkt für die Frage, warum Matthäus diese Frauen nennt und was ihre Aufnahme in den Stammbaum über Jesus und das Handeln Gottes aussagt.

Tamar ist eine Kanaaniterin und wird zweimal zur kinderlosen Witwe. Ihr Schwiegervater Juda verweigert ihr die Ehe mit seinem dritten Sohn, obwohl dieser nach dem damaligen Recht für die Versorgung der Witwe und die Sicherung von Nachkommen verantwortlich wäre. Für Tamar ist diese Situation existenziell, weil Kinder in ihrer Gesellschaft auch Lebenssicherung bedeuten. Sie nimmt deshalb ihre Zukunft selbst in die Hand. Als Prostituierte verkleidet begegnet sie Juda und wird von ihm schwanger. Als Juda sie später des Ehebruchs beschuldigt, kann sie beweisen, dass er selbst der Vater ist. Juda erkennt daraufhin an, dass Tamar gerechter gehandelt hat als er. Ihre Söhne Perez und Serach gehören schließlich zu den Vorfahren Davids und damit auch zu den Ahnen Jesu. Tamar erscheint somit als eine Frau, die sich gegen erfahrenes Unrecht zur Wehr setzt und durch ihr eigenständiges Handeln ihren Platz in der Geschichte sichert.

Rahab lebt in Jericho und wird als Prostituierte beschrieben. Als israelitische Kundschafter in die Stadt kommen, nimmt sie diese auf und ermöglicht ihnen die Flucht. Damit handelt sie gegen die Interessen ihrer eigenen Stadt. Ihr Verhalten wird mit ihrem Glauben an den Gott Israels begründet. Gleichzeitig handelt Rahab selbstbewusst und vorausschauend. Sie verlangt von den Kundschaftern eine verbindliche Zusage, dass sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos verschont werden. Der Text hebt hervor, dass Rahab außerhalb gesellschaftlicher Konventionen lebt und den Mut besitzt, eigene Entscheidungen zu treffen. Obwohl die zugrunde liegende Erzählung nichts über eine Ehe oder Kinder Rahabs berichtet, erscheint sie bei Matthäus als Ahnfrau Jesu.

Rut steht besonders für Solidarität und Treue. Sie ist eine Moabiterin und wird wie Tamar als junge Frau zur kinderlosen Witwe. Nach dem Tod ihres Mannes entscheidet sie sich, ihre Schwiegermutter Noomi nicht allein zu lassen. Sie verlässt ihre Heimat und begleitet Noomi nach Israel. Damit geht Rut als fremde Frau in ein für sie zunächst unbekanntes Land. Ihr Verhalten gegenüber Noomi wird im Text ausdrücklich als Frauensolidarität verstanden. Noomi wiederum sorgt dafür, dass Rut Boas kennenlernt. Rut findet dadurch eine neue Familie und eine neue Heimat. Als Vorfahrin Davids erhält auch sie einen entscheidenden Platz in der Geschichte, die nach dem Matthäusevangelium zu Jesus führt.

Batseba wird im Zusammenhang mit König David dargestellt. David beobachtet sie beim Baden und begehrt sie, obwohl sie mit seinem Offizier Urija verheiratet ist. Batseba wird schwanger. David versucht zunächst, die Schwangerschaft ihrem Ehemann zuzuschreiben. Als dies nicht gelingt, sorgt er dafür, dass Urija im Krieg getötet wird. Anschließend nimmt David Batseba zur Frau. Das erste gemeinsame Kind stirbt. Der zweite Sohn ist Salomo. Später wird Batseba selbst zu einer aktiv handelnden Person. Als die Nachfolge des alten Königs David geregelt werden muss, sucht sie Verbündete und entwickelt gemeinsam mit dem Propheten Natan einen Plan, damit Salomo König wird. Mit der Königsherrschaft ihres Sohnes erhält Batseba zugleich eine besondere Stellung als Königinmutter.

Die vier Frauen werden im Text miteinander verbunden, weil ihre Geschichten für das Ungewöhnliche, Unerwartete und teilweise Anstößige stehen. Gerade diese Lebensgeschichten werden jedoch zu notwendigen Bestandteilen der Verheißungsgeschichte. Ohne Tamar gäbe es Perez nicht, ohne Rahab keinen Boas, ohne Rut keinen David und ohne Batseba keinen Salomo. Die Frauen stehen deshalb nicht am Rand der Heilsgeschichte, sondern werden zu wichtigen Akteurinnen. Der Text stellt damit zugleich eine ausschließlich männlich gedachte Darstellung der Geschichte infrage. In die scheinbar geordnete Geschichte der Männer tritt immer wieder etwas Unerwartetes ein. Gerade daraus lässt Gott nach der theologischen Deutung des Textes seine Verheißungsgeschichte weitergehen.

Aus dieser Beobachtung entwickelt der Text eine grundsätzliche Aussage über christliche Identität und Gottes Handeln. Menschen können nicht mit Sicherheit wissen, auf welchen Wegen Gott handelt. Gott und seine Botschaft dürfen deshalb nicht ausschließlich dort gesucht werden, wo alles bekannt, vertraut, geordnet und kirchlich anerkannt erscheint. Auch das Neue, Irritierende und Unerwartete kann auf Gottes Gegenwart hinweisen. Christlicher Glaube verlangt deshalb Aufmerksamkeit für Menschen und Erfahrungen, bei denen Gottes Weisheit zunächst nicht vermutet wird. Christliche Identität wird in diesem Sinne als offene Identität verstanden, die mit Überraschungen rechnen muss.

Diese Aussage wird schließlich mit Maria verbunden. Auch ihre Geschichte entspricht nicht dem gesellschaftlich Erwartbaren. Eine einfache jüdische Frau wird unter ungewöhnlichen Umständen zur Mutter Jesu und damit Teil der Verheißungsgeschichte. Matthäus bereitet dieses Motiv nach der Deutung des Textes bereits durch Tamar, Rahab, Rut und Batseba vor. Frauen, die innerhalb ihrer Gesellschaft teilweise am Rand stehen, werden zu notwendigen Akteurinnen im Heilsplan Gottes. Die zentrale theologische Aussage lautet daher, dass Gottes Geschichte auch durch Menschen weitergeht, von denen dies zunächst nicht erwartet wird.

Der Praxisteil verbindet diese theologischen Inhalte mit konkreten Methoden für die Bildungsarbeit. Zunächst sollen Bilder von Stammbäumen Jesu betrachtet und miteinander verglichen werden. Die Lernenden können beschreiben, was sie sehen, welche Gefühle und Assoziationen die Darstellungen auslösen und welche Aussagen über Jesus darin sichtbar werden. Danach wird der Stammbaum Jesu nach Matthäus gelesen.

Anschließend beschäftigen sich die Lernenden in vier Gruppen mit den Geschichten von Tamar, Rahab, Rut und Batseba. Sie können die wichtigsten Lebensphasen und Charaktereigenschaften der jeweiligen Frau auf einem Plakat festhalten. Alternativ kann jede Frau durch ein Standbild dargestellt werden. Dabei wird gefragt, ob die jeweilige Frau selbstbewusst, als Opfer, aktiv oder passiv erscheint und welche Körperhaltung ihren Lebensweg ausdrücken könnte. Die Ergebnisse führen zu einer gemeinsamen theologischen Fragestellung: Warum stehen gerade diese Frauen im Stammbaum Jesu, was verbindet sie und was sagen ihre Lebensgeschichten über Jesus Christus aus?

Zum Abschluss erfolgt eine persönliche Auseinandersetzung. Die Lernenden wählen eine der vier Frauen aus, die sie besonders anspricht oder bei der sie Widerstand empfinden. Sie können erläutern, warum sie diese Frau gewählt haben, was sie ihr sagen möchten und was sie aus ihrer Lebensgeschichte für sich mitnehmen. Damit verbindet der Praxisteil die historische und theologische Erschließung des Bibeltextes mit einer persönlichen Reflexion.

Für den Religionsunterricht eignet sich der Text besonders, um die Bedeutung von Frauen in der Bibel und in der Heilsgeschichte zu erschließen. Lernende können erkennen, dass der Stammbaum Jesu mehr als eine bloße Aufzählung von Namen ist. Er enthält eine theologische Aussage über Gottes Handeln. Die Geschichten von Tamar, Rahab, Rut und Batseba machen deutlich, dass Brüche, Fremdheit, gesellschaftliche Grenzüberschreitungen und ungewöhnliche Lebenswege nicht außerhalb der Geschichte Gottes stehen müssen. Gerade Menschen, die leicht übersehen oder ausgegrenzt werden, können nach der theologischen Deutung des Textes eine entscheidende Bedeutung für die Verheißungsgeschichte erhalten.

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