Der vorliegende Beitrag rekonstruiert auf Basis einer Fallstudie, wie Schüler*innen die Kategorie Gewissheit/Ungewissheit zur Thematisierung ökologischer Krisen und gesellschaftlicher Zukunft in sozialwissenschaftlichen Lernprozessen nutzen. Die Autoren fokussieren dabei Verbindungslinien und Lernpotenziale zwischen religiöser und sozialwissenschaftlicher Bildung in Bildungsprozessen zu nachhaltiger Entwicklung (BNE). Empirische Unterrichts- und Interviewauszüge zeigen, dass Schüler*innen Ungewissheit als Prozess der diskursiven politischen Herstellung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen verstehen. Am Beispiel der australischen Buschbrände 2019/2020 wird rekonstruiert, wie Jugendliche den anthropogenen Klimawandel nicht primär als ökologisches, sondern als politisches und soziostrukturelles globales Problem bearbeiten. Die Schülerinnen Katja und Nicola erkennen dabei Zusammenhänge zwischen medialen Repräsentationen, Machtstrukturen und politischen Entscheidungsträgern. Sie identifizieren, wie Ungewissheit strategisch zur Verhinderung von Lösungen eingesetzt wird. Theoretisch wird Ungewissheit als kontinuierliches sozialwissenschaftliches Phänomen gefasst, das sich in Diskursen als „soziohistorisch strukturierte und strukturierende Strukturen" entwickelt. Das Retinitätsprinzip wird als Instrument zur Identifikation struktureller Verflechtungen herangezogen. Die Analyse basiert auf der Wissensdidaktischen Hermeneutik als fachdidaktische Variation der Hermeneutischen Wissenssoziologie. Die Autoren argumentieren, dass fächerübergreifende Bildungsprozesse zwischen religiöser und sozialwissenschaftlicher Bildung eine Wechselbewegung von Weltbeobachtung und Verstehensweisen von Selbst und Welt anstoßen können. Sie ermöglichen es Schüler*innen, Retinität kategorial und problemorientiert zu operationalisieren. Abschließend werden Anregungen zu interdisziplinären Bildungsprozessen skizziert, die Gewissheitsreflexivität fördern und Gestaltungskompetenz entwickeln.