Eine Fachtagung des Bistums Limburg zum Thema „spirituelle Autonomie" beleuchtet die Verbindung zwischen spirituellem Machtmissbrauch und kontrollierten Strukturen in geistlichen Gemeinschaften. Dokumentierte Fälle zeigen, wie Gläubige durch umfassende Kontrolle ihrer Kommunikation, ihrer Freizeit und ihrer Beziehungen unterdrückt wurden – alles unter dem Vorwand religiöser Ziele. Die Tagung machte deutlich, dass spiritueller Missbrauch häufig sexualisierter Gewalt vorausgeht und dass der Wunsch nach spiritueller Autonomie eine neue Dringlichkeit erhalten hat.
Die Referentinnen und Referenten betonten unterschiedliche Aspekte dieser Thematik: Julia Knop argumentierte, dass es keine fertigen Definitionen für spirituelle Souveränität gibt, sondern dass persönliche Erschütterungen zu befreienden Momenten werden können. Joachim Negel hob die anthropologische Spannung hervor, dass Menschen nicht vollständig autonom sind, sondern immer schon von Vorgaben geprägt – Autonomie bedeute daher, sich kritisch und dankbar zu den eigenen Bedingungen zu verhalten. Aus psychotherapeutischer Perspektive warnte Ingrid Kamps vor der hohen Abhängigkeit von Vertrauenspersonen, die große Macht erlangen, und plädierte für regelmäßige Supervision und Selbstreflexion bei geistlichen Begleitern.
In den Diskussionen kristallisierten sich zentrale Fragen heraus: Kann die Kirche als Institution von persönlichem Glauben getrennt werden? Wie kann sie stattdessen ein offener Raum werden, in dem Glaube gelebt und verhandelt wird, statt vorgefertigte Glaubensprodukte zu vermitteln? Die Teilnehmenden erkannten, dass gelingende Spiritualität die Grundlage bildet, aus der Autonomie wie eine Frucht wachsen kann, und dass verantwortungsvolle Leitung kritikfähig sein muss.