Der Artikel behandelt die kritische Frage, inwieweit kirchliche Strukturen, Ämterhierarchien und sakramentales Verständnis dem Auftreten und der Predigt Jesu entsprechen. Die Autorin, eine protestantische Theologin, bietet Impulse zur Reflexion von geistlichem Missbrauch in der katholischen Kirche an, ohne diesen konkret zu benennen, sondern um Insider zur Selbstbewertung zu befähigen.
Der Artikel präsentiert mehrere Definitionen geistlichen Missbrauchs: Nach Katharina Kluitmann handelt es sich um emotionalen oder Machtmissbrauch im Kontext geistlicher Begleitung. Doris Wagner betont die Verletzung spiritueller Autonomie als Kernaspekt. Lisa Oakley beschreibt es umfassend als Zwang, Kontrolle und Manipulation durch eine Person im spirituellen Kontext, die Ausbeutung, erzwungene Rechenschaftspflicht, Geheimhaltung und das Missbrauch religiöser Autorität einschließt. Zentral ist die Erkenntnis, dass solcher Missbrauch durch „fromm getarnte Manipulation" funktioniert, die Betroffene nicht als solche erkennen, weil christliche Lehren und Werte entstellt werden.
Ein Kernproblem liegt in hierarchischen Machtstrukturen, die dem Ideal Jesu widersprechen. Das Evangelium nach Matthäus zeigt Jesus, der sich gegen Machtgefälle und Herrschaftsansprüche ausspricht und stattdessen Dienst propagiert. Während die frühe Kirche dieses Ideal noch verfolgte, entwickelten sich später hierarchische Strukturen, die Jesus explizit abgelehnt hatte. Ken Blue beschreibt, wie die frühe Kirche charismatisch-gabenorientiert organisiert war – als Dienst für Gott und Menschen zur Förderung persönlicher Mündigkeit – statt als Machtpositionen. Die Rückentwicklung zu Hierarchien erschwert neutestamentliche Absichten und schafft Bedingungen, unter denen Machtmissbrauch leichter möglich wird. Die zentrale Herausforderung besteht darin, Hierarchie, die bereits existiert, sinnvoll zu nutzen und ihre Macht zu disziplinieren.