Der Artikel analysiert den christlichen Fundamentalismus und Biblizismus als eng verwandte, aber nicht deckungsgleiche Phänomene religiöser Haltungen. Biblizismus ist durch die wörtliche Verstandenheit aller biblischen Aussagen definiert und deren direkte Anwendung auf Glaube und Leben. Der christliche Fundamentalismus ist ein Glaubenssystem, das die Bibel als fehlerlose, absolute und göttliche Offenbarung betrachtet und auf alle Glaubens- und Lebensfragen anwendet. Historisch entstanden beide Phänomene im Zuge der reformatorischen sola-scriptura-Doktrin und des anti-modernen 19. Jahrhunderts. Der Autor differenziert zwischen explizitem und implizitem Fundamentalismus, wobei letzterer sich durch unreflektierte, nicht grundsätzlich bewusste fundamentalistische Praktiken auszeichnet. Solche impliziten Formen treten in Kirche und Religionsunterricht auf, etwa durch unsachgemäße Begriffsverwendung wie die Rede von Schöpfungsberichten statt Schöpfungserzählungen. Im Religionsunterricht wird Fundamentalismus oft dadurch manifestiert, dass Lehrkräfte biblische Überlieferungen als Tatsachenberichte präsentieren, ohne dies zu reflektieren. Der Autor identifiziert Ursachen in mangelndem Problembewusstsein auf Lehrplanebene und in der Diskrepanz zwischen fachwissenschaftlicher Ausbildung und persönlichem pädagogischen Habitus. Besonders problematisch ist die unzureichende Ausbildung von Lehrkräften ohne fachwissenschaftliche Grundlagen. Der Artikel betont die Notwendigkeit professioneller Reflexion und sachgemäßer Vermittlung biblischer Texte im Unterricht, um nicht unreflektiert fundamentalistische Positionen zu reproduzieren.