Der Artikel von Ulrike Witten analysiert das Phänomen der Heiligen als lebensweltlich verankerte religiöse Realität. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Heilige in verschiedenen alltäglichen Kontexten präsent sind: bei Namensgebungen für Personen und Institutionen, in Bräuchen wie Namenstagen, in Medienberichterstattungen anlässlich von Jubiläen und an Erinnerungsorten wie Pilgerwegen. Der Artikel unterscheidet drei Begriffsverständnisse von Heiligen: erstens ein weites Verständnis, das Personen meint, die religiöse Ideale in besonderer Weise verkörpern und als Orientierungsfiguren dienen; zweitens ein enges juristisches Verständnis der kanonisierten und heiliggesprochenen Heiligen, denen wundertatige Kraft zugeschrieben wird; drittens ein theologisches Verständnis der "Gemeinschaft der Heiligen" im Apostolicum, das alle Glaubenden meint. Historisch zeigt sich, dass die Heiligenverehrung im frühen Christentum mit dem Märtyrerkult beginnt und sich bis zum Spätmittelalter stark ausbreitet. Das Konzil von Nicäa 787 unterschied zwischen wahrer Anbetung Gottes und Verehrung der Heiligen. Die reformatorische Kritik führte zu einer Neubewertung der Heiligenverehrung. Religionspädagogisch empfiehlt der Artikel, die Lebenswelt der Lernenden zu nutzen, um über lokale und bekannte Heilige zu entdecken, ohne kirchenhistorisches Wissen vorauszusetzen. Die legendarische Überformung von Heiligengeschichten wird nicht als Nachteil, sondern als Teil ihrer kulturellen Wirkmächtigkeit betrachtet.