Der Artikel beschäftigt sich mit dem sogenannten kleinen historischen Credo Israels aus Deuteronomium 26. Dieses Glaubensbekenntnis gehört zu den bekanntesten Glaubensbekenntnissen der biblischen Tradition. In wenigen Sätzen fasst es wichtige Stationen der Geschichte Israels zusammen. Dazu gehören die Herkunft der Vorfahren, ihr Leben als Fremde, die Unterdrückung in Ägypten, die Befreiung durch Gott, die Gabe des Landes und schließlich die Möglichkeit, Gott im Tempel zu verehren. Das Glaubensbekenntnis ist in die Erntedankliturgie am Jerusalemer Tempel eingebettet.
Der biblische Text beschreibt zunächst die Darbringung der ersten Erträge der Ernte. Der Beter bringt einen Korb mit den ersten Früchten des Landes zum Priester. Dieser stellt ihn vor den Altar Gottes. Anschließend spricht der Beter ein Glaubensbekenntnis. Er erinnert daran, dass sein Vorfahr ein heimatloser Aramäer war, der nach Ägypten zog und dort zunächst als Fremder lebte. Aus einer kleinen Gruppe entwickelte sich schließlich ein großes und mächtiges Volk.
Die Situation in Ägypten verändert sich jedoch. Die Israeliten werden schlecht behandelt, entrechtet und zur schweren Arbeit gezwungen. In ihrer Not schreien sie zu Gott. Gott hört ihren Hilferuf und sieht ihre Rechtlosigkeit, ihre Arbeitslast und ihre Bedrängnis. Er bleibt angesichts dieses Leids nicht untätig. Er führt die Menschen aus Ägypten heraus und bringt sie in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Am Ende bringt der Beter die ersten Früchte dieses Landes als Zeichen seiner Dankbarkeit zu Gott.
Die Auslegung erklärt, dass das Glaubensbekenntnis kunstvoll aufgebaut ist. Ursprünglich könnte das Gebet lediglich aus der Erinnerung an den heimatlosen Vorfahren und der Darbringung der ersten Ernte bestanden haben. Dadurch entsteht ein deutlicher Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Am Anfang stehen Heimatlosigkeit und existenzielle Unsicherheit. Am Ende stehen Wohlstand, Sicherheit und die Früchte des von Gott gegebenen Landes. Der Beter soll erkennen, dass seine gegenwärtige gute Lebenssituation nicht selbstverständlich ist.
Besonders wichtig ist, dass das Glaubensbekenntnis in der ersten Person gesprochen wird. Der einzelne Mensch erzählt die Geschichte Israels dadurch als seine eigene Geschichte. Er sagt nicht nur, dass die Vorfahren diese Erfahrungen gemacht haben. Er verbindet sich persönlich mit der Geschichte seines Volkes. Die Erinnerung an vergangene Erfahrungen wird auf diese Weise Teil des eigenen Glaubens und der eigenen Identität.
Das Mittelstück des Glaubensbekenntnisses folgt nach der Auslegung einem bestimmten Modell. Am Anfang steht die Not. Darauf folgt die Klage der Betroffenen. Gott hört diese Klage und greift schließlich rettend ein. Die Geschichte Israels wird damit als Bewegung von Not über Klage und Erhörung hin zur Rettung verstanden. Gleichzeitig wird diese Geschichte als Weg aus der Versklavung in die Freiheit gedeutet.
Eine besondere Bedeutung besitzt dabei die Erfahrung der Fremdheit. Der Vorfahr Israels lebt in Ägypten als Fremder. Der Artikel betont, dass Fremde einen geschützten Rechtsstatus besitzen. Sie dürfen nicht willkürlich ausgebeutet, schlecht behandelt oder abgeschoben werden. Die Ägypter verletzen dieses Recht, indem sie die Israeliten zur Fronarbeit zwingen und wirtschaftlich ausbeuten. Dadurch werden die Fremden entrechtet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
In dieser Situation bleibt den Unterdrückten das Schreien zu Gott. Dieses Schreien besitzt nach der Auslegung eine besondere Bedeutung. Obwohl die Menschen gesellschaftlich entrechtet sind, bewahren sie dadurch ihre Würde als handelnde Personen. Sie nehmen ihre Not nicht einfach schweigend hin, sondern bringen sie vor Gott. Gott hört dieses Schreien und nimmt die Rechtlosigkeit, die schwere Arbeit und die Bedrängnis wahr.
Gottes Handeln beschränkt sich nicht auf das Wahrnehmen des Leids. Gott wird aktiv und führt die bedrohten Menschen aus dem ausbeuterischen System Ägyptens heraus. Anschließend bringt er sie in das Land, in dem ein Leben in Fülle möglich ist. Damit steht das neue Leben im Land im deutlichen Gegensatz zur vorherigen Erfahrung von Unterdrückung und Lebensgefahr. Die angemessene Reaktion des Menschen auf diese Rettung ist Dankbarkeit. Deshalb wirft sich der Beter vor Gott nieder und bringt ihm die ersten Früchte des Landes dar.
Der Artikel versteht das Glaubensbekenntnis jedoch nicht nur als Erinnerung an die Vergangenheit Israels. Durch die Formulierung in der ersten Person wird jeder einzelne Mensch eingeladen, die Geschichte mit dem eigenen Leben zu verbinden. Die Lesenden sollen sich fragen, wann sie selbst Not erlebt haben, wer oder was ihnen geholfen hat und welche Rolle Gott in solchen Situationen gespielt hat. Damit wird die biblische Geschichte zu einem Ausgangspunkt für die Reflexion der eigenen Lebensgeschichte.
Besonders wichtig ist dabei die Frage nach dem persönlichen Gottesbild. Der Artikel fordert dazu auf, darüber nachzudenken, wer Gott für den einzelnen Menschen ist und inwiefern das eigene Gottesbild mit dem Gottesbild des kleinen Credos übereinstimmt. Im Glaubensbekenntnis erscheint JHWH als ein menschlich zugewandter und rettender Gott. Er hört und sieht. Er nimmt die Not der Menschen wahr und lässt sich von ihrem Leid zum Handeln bewegen. Gott steht damit auf der Seite der bedrohten und unterdrückten Menschen und ermöglicht Befreiung.
Für den Religionsunterricht bietet der Text zahlreiche Möglichkeiten. Lernende können erkennen, dass ein Glaubensbekenntnis nicht nur Glaubenssätze formuliert, sondern Erfahrungen mit Gott in Erinnerung hält. Sie können untersuchen, wie Israel seine Geschichte als Geschichte von Fremdheit, Unterdrückung, Klage, Rettung und Dankbarkeit versteht. Gleichzeitig können Lernende ihre eigenen Erfahrungen von Not, Hilfe und Dankbarkeit reflektieren. Auch Fragen nach dem Umgang mit Fremden, nach sozialer Gerechtigkeit, Menschenwürde und wirtschaftlicher Ausbeutung können behandelt werden. Besonders wichtig ist die Auseinandersetzung mit dem Gottesbild des Textes. Gott erscheint nicht als distanzierter Beobachter, sondern als Gott, der das Leid der Menschen wahrnimmt, ihre Klage hört und rettend handelt.