Der Praxisteil beschäftigt sich mit dem Stammbaum Jesu am Anfang des Matthäusevangeliums. Matthäus stellt Jesus damit in die lange Geschichte des Volkes Israel und seiner Beziehung zu Gott. Auffällig ist, dass in der langen Reihe männlicher Vorfahren Jesu vier Frauen ausdrücklich genannt werden. Es handelt sich um Tamar, Rahab, Rut und Batseba. Nicht die bekannten Erzmütter Sara, Rebekka und Rahel stehen im Mittelpunkt, sondern Frauen mit ungewöhnlichen und teilweise problematischen Lebensgeschichten. Der Text fragt deshalb danach, warum gerade diese Frauen im Stammbaum Jesu erscheinen und welche Aussage damit über Jesus und über das Handeln Gottes verbunden ist.
Die erste Frau ist Tamar. Sie ist eine kinderlose Witwe. Nachdem zwei ihrer Männer gestorben sind, verweigert ihr Schwiegervater Juda die nach damaligem Recht vorgesehene Ehe mit seinem dritten Sohn. Diese Ehe hätte Tamar versorgen und zugleich für Nachkommen sorgen sollen. Tamar befindet sich dadurch in einer gesellschaftlich und wirtschaftlich gefährdeten Situation. Sie entscheidet sich, selbst zu handeln. Verkleidet verführt sie Juda und wird von ihm schwanger. Als Juda sie später wegen Ehebruchs beschuldigt, kann Tamar nachweisen, dass er selbst der Vater ist. Juda muss daraufhin anerkennen, dass Tamar gerechter gehandelt hat als er. Ihre Söhne Perez und Serach werden Teil der Abstammungslinie Davids und damit auch der Abstammungslinie Jesu. Tamar erscheint deshalb als eine Frau, die sich gegen erfahrenes Unrecht wehrt und selbst für ihre Zukunft sorgt.
Die zweite Frau ist Rahab. Sie lebt in Jericho und wird als Prostituierte bezeichnet. Als israelitische Kundschafter nach Jericho kommen, nimmt sie diese auf und hilft ihnen bei der Flucht. Damit stellt sie sich gegen die eigene Stadt und überschreitet die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Umgebung. Der Text begründet ihr Handeln mit ihrem Glauben an den Gott Israels. Gleichzeitig handelt Rahab selbstbewusst und sorgt für ihr eigenes Überleben und das ihrer Familie. Sie verlangt von den israelitischen Kundschaftern die Zusage, dass sie und ihre Angehörigen bei der Eroberung Jerichos verschont werden. Obwohl die biblische Erzählung an dieser Stelle nichts über eine Ehe oder Kinder Rahabs berichtet, wird sie im Matthäusevangelium als eine der Ahnfrauen Jesu genannt. Der Text hebt besonders ihren Mut zu eigenen Entscheidungen und ihr Leben außerhalb gesellschaftlicher Konventionen hervor.
Die dritte Frau ist Rut. Auch sie wird als junge Frau zur kinderlosen Witwe. Rut stammt aus Moab und ist damit keine Israelitin. Nach dem Tod ihres Mannes entscheidet sie sich, ihre Schwiegermutter Noomi nach Israel zu begleiten. Ihr bekanntes Treueversprechen gegenüber Noomi wird im Text als Ausdruck besonderer Frauensolidarität verstanden. Rut verlässt ihre Heimat und geht mit Noomi nach Betlehem. Dort ist sie zunächst eine Fremde. Noomi sorgt schließlich dafür, dass Rut und Boas einander näherkommen. Rut findet dadurch eine neue Familie und eine neue Heimat. Ihre Geschichte zeigt Treue, Solidarität und die Aufnahme einer ausländischen Frau in die Geschichte Israels.
Die vierte Frau ist Batseba. Ihre Geschichte ist eng mit König David verbunden. David sieht Batseba beim Baden und begehrt sie, obwohl sie mit seinem Offizier Urija verheiratet ist. Aus der Beziehung entsteht ein Kind. David versucht zunächst, die Schwangerschaft zu verbergen. Als dies nicht gelingt, sorgt er dafür, dass Urija im Krieg getötet wird. Anschließend nimmt David Batseba zur Frau. Das erste gemeinsame Kind stirbt. Ihr zweiter Sohn ist Salomo. Später greift Batseba selbst aktiv in die Frage der Thronfolge ein. Gemeinsam mit dem Propheten Natan entwickelt sie einen Plan, durch den Salomo König wird. Dadurch erhält sie selbst als Königinmutter eine bedeutende Stellung. Der Text stellt Batseba somit nicht nur als eine Frau dar, über die andere verfügen. Sie wird später selbst zu einer aktiv handelnden Person innerhalb der politischen Machtverhältnisse.
Aus den vier Lebensgeschichten entwickelt der Text seine zentrale theologische Aussage. Tamar, Rahab, Rut und Batseba stehen für das Ungewöhnliche, Unerwartete und teilweise gesellschaftlich Anstößige innerhalb der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Dennoch sind sie keine unbedeutenden Randfiguren. Ohne Tamar gäbe es Perez nicht, ohne Rahab keinen Boas, ohne Rut keinen David und ohne Batseba keinen Salomo. Die Frauen werden dadurch zu notwendigen Akteurinnen der Geschichte, die schließlich zu Jesus führt. Der Text stellt damit eine ausschließlich männlich gedachte Verheißungsgeschichte infrage. Gottes Geschichte verwirklicht sich auch durch Frauen, Fremde und Menschen, deren Lebenswege nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen.
Daraus wird eine Aussage über das Handeln Gottes abgeleitet. Gottes Wirken ist nicht auf das Vertraute, gesellschaftlich Anerkannte und kirchlich Erwartete begrenzt. Menschen sollen deshalb aufmerksam für das Neue, Unerwartete und Irritierende sein. Gerade dort können Zeichen der Gegenwart und des Wirkens Gottes erkennbar werden. Christliche Identität wird deshalb als offene Identität beschrieben. Wer sich als Teil der Verheißungsgeschichte Gottes versteht, muss damit rechnen, dass Gott auf überraschenden Wegen handelt und Menschen in seine Geschichte einbezieht, denen eine Gesellschaft zunächst keine besondere religiöse Bedeutung zuschreibt.
Der Praxisteil überträgt diese theologischen Gedanken auf die Bildungsarbeit. Zunächst sollen Lernende beziehungsweise Teilnehmende über Bilder verschiedener Darstellungen des Stammbaums Jesu an das Thema herangeführt werden. Sie betrachten die Bilder und überlegen, was die jeweilige Darstellung über Jesus aussagt. Anschließend wird der Stammbaum aus Mt 1,1 bis 17 gelesen.
Danach beschäftigen sich vier Gruppen jeweils mit Tamar, Rahab, Rut oder Batseba. Sie untersuchen wichtige Lebensphasen und Charakterzüge der Frauen. Als mögliche Methode wird ein Plakat mit einem Frauenumriss vorgeschlagen. Eine weitere Möglichkeit ist ein Standbild, in dem die jeweilige Frau durch Körperhaltung und Symbole dargestellt wird. Dadurch sollen die Lernenden darüber nachdenken, ob eine Frau beispielsweise selbstbewusst, als Opfer, aktiv oder passiv erscheint. Anschließend werden die Ergebnisse gemeinsam besprochen. Im Zentrum stehen die Fragen, warum diese Frauen im Stammbaum Jesu genannt werden, was sie miteinander verbindet und was ihre Aufnahme in den Stammbaum über Jesus Christus aussagt.
Zum Abschluss soll eine persönliche Auseinandersetzung stattfinden. Die Lernenden wählen eine der vier Frauen aus, die sie besonders anspricht oder gegenüber der sie Widerstand empfinden. Sie können erklären, warum sie sich für diese Frau entschieden haben, was sie ihr sagen möchten und welche Gedanken sie aus ihrer Geschichte mitnehmen. Dadurch verbindet der Praxisteil historische und theologische Bibelarbeit mit einer persönlichen Reflexion.
Für den Religionsunterricht ist besonders die Verbindung von Frauen in der Bibel, Gottesbild und christlicher Identität interessant. Lernende können erkennen, dass der Stammbaum Jesu nicht nur eine Aufzählung von Namen ist. Er vermittelt eine theologische Botschaft. Die Geschichte Gottes wird von Menschen getragen, deren Biografien Brüche, Konflikte und gesellschaftliche Grenzüberschreitungen enthalten. Gerade Tamar, Rahab, Rut und Batseba zeigen nach der Deutung des Textes, dass das Unerwartete zu einem wichtigen Bestandteil der Verheißungsgeschichte werden kann.