Das Medium eignet sich besonders für Unterrichtsvorhaben zu Kirche, Kirchenverständnis, Kirche und Gesellschaft, Religion und Staat, sozialer Verantwortung sowie zum Umgang mit Geld und Eigentum. Didaktisch produktiv ist die Kirchensteuer vor allem deshalb, weil sich an ihr unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden lassen. Lernende können die Frage aus der Sicht von Kirchenmitgliedern und Steuerzahlenden, kirchlichen Verantwortlichen, staatlichen Institutionen, Kritikern des Kirchensteuersystems sowie aus gesellschaftspolitischer, rechtlicher und theologischer Perspektive untersuchen. Das Medium selbst entfaltet diese verschiedenen Fragerichtungen und ermöglicht damit einen Unterricht, der nicht vorschnell auf Zustimmung oder Ablehnung zielt, sondern die Fähigkeit zum differenzierten religiösen und ethischen Urteil fördert.
Als Einstieg bietet sich eine lebensweltliche Problemfrage an, etwa „Warum sollte ich für Kirche bezahlen?“, „Was geschieht mit der Kirchensteuer?“ oder „Braucht Kirche Geld?“. Die Lernenden können zunächst Vermutungen und vorhandene Einstellungen formulieren. Diese Aussagen sollten gesammelt und im weiteren Unterricht überprüft werden. Dadurch wird sichtbar, welche Vorstellungen von Kirche hinter den jeweiligen Bewertungen stehen. Gerade die Verbindung von Kirche und Geld kann dabei produktive Irritationen auslösen. Das Medium weist selbst darauf hin, dass Geld Gemeinschaft ermöglicht, Unterschiede sichtbar macht und sowohl den Einzelnen als auch die Gemeinschaft betrifft.
Für die anschließende Erarbeitungsphase kann der umfangreiche Beitrag arbeitsteilig erschlossen werden. Lerngruppen beschäftigen sich beispielsweise mit der Funktionsweise der Kirchensteuer, den rechtlichen Grundlagen, ihrer historischen Entstehung, der Verwendung der Einnahmen, den Argumenten für und gegen das gegenwärtige Modell oder mit alternativen Finanzierungsformen. Die Ergebnisse können anschließend in einer gemeinsamen Übersicht zusammengeführt werden. Auf diese Weise erkennen die Lernenden, dass die Kirchensteuer nicht ausschließlich eine finanzielle Frage darstellt, sondern mit Religionsfreiheit, staatlicher Neutralität, kirchlicher Autonomie, Solidarität und dem gesellschaftlichen Auftrag von Kirche verbunden ist.
Besonders geeignet ist das Material M 1 zur Verwendung der Kirchensteuer im Bistum Limburg auf Seite 48. Die Tabelle weist für das Jahr 2008 eine Gesamtsumme von 169,3 Millionen Euro aus und differenziert unter anderem zwischen Gemeindeseelsorge, sozialen Aufgaben, Bildung, Kultur, Musik und Schulen, Kinderarbeit, Jugendarbeit und Familienarbeit, besonderen Formen der Seelsorge sowie zentralen Verwaltungsaufgaben. Die Lernenden können die Zahlen auswerten, Anteile berechnen, Prioritäten diskutieren und anschließend einen eigenen Vorschlag für die Verteilung eines fiktiven Kirchenhaushalts entwickeln. Die Gegenüberstellung mit der tatsächlichen Verteilung eröffnet eine begründete Diskussion darüber, welche Aufgaben Kirche übernehmen sollte und welche finanziellen Ressourcen dafür notwendig sind.
Eine weitere Möglichkeit bietet die Durchführung einer strukturierten Kontroverse oder eines Rollenspiels. Lernende übernehmen unterschiedliche Positionen und vertreten beispielsweise die Perspektive kirchlicher Verantwortlicher, staatlicher Finanzverwaltung, kirchlicher Kritiker oder eines Kirchenmitglieds. Der Beitrag schlägt selbst eine parlamentarisch angelegte Debatte vor, in der verschiedene Positionen zur Kirchensteuer miteinander ins Gespräch gebracht werden. Vor der Diskussion sollten die Gruppen ihre Argumente aus dem Material herausarbeiten und zwischen Sachargumenten, Werturteilen und persönlichen Einschätzungen unterscheiden. Nach der Debatte verlassen die Lernenden ihre Rollen und formulieren ein eigenes begründetes Urteil. Dadurch werden Perspektivübernahme, Argumentationsfähigkeit und Urteilskompetenz miteinander verbunden.
Auch die historische Dimension lässt sich handlungsorientiert erschließen. Der Beitrag schlägt vor, unterschiedliche historische Rollen einzunehmen, etwa einen Pfarrer vor der Säkularisation, einen Bischof während des Kulturkampfes, ein Mitglied der verfassungsgebenden Nationalversammlung der Weimarer Republik oder einen Verantwortlichen für kirchliche Finanzen. Die Ergebnisse können als Interview, Stellungnahme oder fiktiver Leserbrief gestaltet werden. Dadurch wird nachvollziehbar, dass das heutige Kirchensteuersystem Ergebnis einer historischen Entwicklung ist und die Einführung der Kirchensteuer langfristig auch der finanziellen Unabhängigkeit der Kirchen vom Staat dienen sollte.
Für ältere Lernende bietet sich zudem ein Vergleich unterschiedlicher Finanzierungsmodelle an. Das deutsche Kirchensteuersystem kann mit dem im Beitrag beschriebenen italienischen Modell sowie der Finanzierung durch Spenden in den USA und Frankreich verglichen werden. Dabei können Kriterien wie finanzielle Planungssicherheit, kirchliche Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, gesellschaftliche Präsenz, individuelle Entscheidungsfreiheit und mögliche Abhängigkeit von Großspendenden herangezogen werden. Die Lernenden können anschließend ein eigenes Modell der Kirchenfinanzierung entwerfen und dessen Vorzüge und Probleme begründen.
Eine stärker lebensweltliche Vertiefung ermöglicht schließlich die Frage nach dem persönlichen Umgang mit Geld. Begriffe und Redewendungen wie „Eigentum verpflichtet“, „Zeit ist Geld“, „Geld regiert die Welt“ oder „sich etwas kosten lassen“ können Ausgangspunkt einer ethischen Reflexion über Eigentum, Konsum, Solidarität und Verantwortung sein. Das Medium regt außerdem an, einen persönlichen Finanzplan zu erstellen und diesen mit dem Finanzhaushalt einer Diözese zu vergleichen. Damit lässt sich die institutionelle Frage der Kirchenfinanzierung auf die persönliche Ebene zurückführen: Was ist mir wichtig, wofür bin ich bereit Geld einzusetzen und welche Verantwortung entsteht aus dem Besitz finanzieller Mittel? Als Abschluss können die Lernenden zur anfänglichen Problemfrage zurückkehren und ein begründetes Sachurteil und Werturteil formulieren. So wird überprüfbar, ob sich ursprüngliche Vorstellungen durch die Beschäftigung mit dem Medium verändert oder differenziert haben.
Dabei werden auch die Situation und Finanzierung von Kirchen in anderen Staaten dargestellt. Dazu wäre auch eine Gruppenarbeit mit Web-Recherche möglich. Dabei werden Rollenkarten zu mehreren Personen erstellt. Darunter könnten Pfarrer, ein Bischof, Parlamentarier und ein kirchlicher Finanzdirektor sein. Es folgt das Rollenspiel zu pro und contra Kirchensteuer.