Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10, da es eine intensive Auseinandersetzung mit Jesus Christus, den Evangelien und der Frage nach der Bedeutung von Perspektive und Sprache für religiöse Aussagen ermöglicht. Voraussetzung für die Arbeit mit dem Text ist ein grundlegendes Wissen über zentrale Stationen des Lebens Jesu. Gerade weil Handke auf zahlreiche biblische Motive zurückgreift, erschließt sich die Ironie des Textes erst vollständig durch den Vergleich mit den entsprechenden neutestamentlichen Überlieferungen.
Als Einstieg kann der Text zunächst ohne ausführliche Informationen über Autor und Entstehungszeit gelesen werden. Die Lernenden markieren Formulierungen, die sie überraschen, irritieren oder provozieren. Anschließend sammeln sie ihre ersten Eindrücke und beschreiben die Wirkung der Sprache. Dabei sollte zwischen persönlicher Reaktion und genauer Textbeobachtung unterschieden werden. Aussagen wie „Der Text macht sich über Jesus lustig“ können zum Ausgangspunkt einer genaueren Untersuchung werden: Welche sprachlichen Mittel erzeugen diesen Eindruck? Welche Aussagen stehen tatsächlich im Text? Welche Wirkung entsteht erst durch das Vorwissen der Lesenden?
In einem zweiten Arbeitsschritt können die Lernenden die einzelnen Stationen der Lebensbeschreibung identifizieren und den entsprechenden neutestamentlichen Erzählungen zuordnen. Besonders geeignet sind die Weihnachtsgeschichte, die Flucht nach Ägypten, Jesu Verkündigung des Reiches Gottes, die Hochzeit zu Kana, Dämonenaustreibungen, die Tempelreinigung, der Prozess gegen Jesus, die Kreuzigung und die neutestamentlichen Berichte über Jesu Tod. Eine tabellarische Gegenüberstellung von biblischer Überlieferung und Handkes Darstellung ermöglicht eine präzise Textarbeit. Die Lernenden können untersuchen, welche Elemente übernommen, verändert, verkürzt oder neu bewertet werden.
Im Mittelpunkt der weiteren Erarbeitung sollte das Prinzip der Verfremdung stehen. Die Lernenden erkennen, dass Handke bekannte religiöse Inhalte nicht einfach wiedergibt, sondern sie durch eine andere sprachliche Perspektive neu erscheinen lässt. Besonders ergiebig ist die Untersuchung der Wortwahl. Religiös bedeutsame Ereignisse werden mit Begriffen aus Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Alltag und moderner Berichterstattung beschrieben. Dadurch entsteht eine Distanz zwischen dem Geschehen und seiner traditionellen theologischen Bedeutung. Die Lernenden können einzelne Formulierungen in eine traditionelle biblische oder kirchliche Sprache zurückübersetzen und anschließend vergleichen, wie sich die Wirkung verändert. Auf diese Weise wird erfahrbar, dass Sprache Wirklichkeit nicht lediglich abbildet, sondern Wahrnehmung und Interpretation beeinflusst.
Eine weitere Vertiefung bietet die Frage nach dem Jesusbild. Die Lernenden arbeiten heraus, welches Bild von Jesus beziehungsweise „Gott“ durch die Wortwahl entsteht. Er erscheint aus der Perspektive des Textes unter anderem als gesellschaftlich auffälliger Prediger, Störer etablierter Abläufe, Angeklagter und schließlich Hingerichteter. Dieses Bild kann anschließend mit neutestamentlichen Christusbekenntnissen und theologischen Deutungen verglichen werden. Dabei sollte deutlich werden, dass Handkes literarische Darstellung und die Glaubensaussagen des Neuen Testaments unterschiedlichen Aussageabsichten folgen.
Methodisch bietet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Verschiedene Gruppen untersuchen jeweils einen Abschnitt des Textes auf biblische Bezüge, sprachliche Veränderungen, Ironie, Perspektive und Wirkung. Die Ergebnisse werden anschließend zusammengeführt. Alternativ können einzelne Textstellen gemeinsam im Unterrichtsgespräch detailliert analysiert werden. Besonders produktiv ist die Aufgabe, eine ausgewählte Passage aus einem Evangelium zunächst sachlich zusammenzufassen und anschließend nach Handkes Verfahren zu verfremden. Die Lernenden wenden dadurch das erkannte Gestaltungsprinzip selbst an und reflektieren anschließend, welche Veränderungen der Bedeutung durch ihre sprachlichen Entscheidungen entstanden sind.
Für eine weiterführende Diskussion eignet sich die Frage, ob und in welcher Weise eine solche Darstellung Jesu provoziert. Dabei sollte nicht vorschnell zwischen Zustimmung und Ablehnung entschieden werden. Unterrichtlich ergiebiger ist die Frage, wodurch die Provokation entsteht und welche Funktion sie erfüllen kann. Der Text ermöglicht damit auch eine Auseinandersetzung mit religiöser Sprache, Kritik an vertrauten Jesusbildern und der Frage, ob Verfremdung neue Zugänge zu bekannten religiösen Überlieferungen eröffnen kann.
Das Medium eignet sich außerdem für die Förderung von Urteilskompetenz. Die Lernenden können beurteilen, ob die verfremdete Darstellung lediglich eine Distanzierung von der christlichen Überlieferung bewirkt oder ob sie zugleich bestimmte Aspekte der Jesusgeschichte neu sichtbar macht. So kann beispielsweise untersucht werden, wie ungewöhnlich und konfliktreich Jesu öffentliches Auftreten aus der Perspektive seiner damaligen Umwelt gewirkt haben könnte. Entscheidend ist, dass Urteile anhand konkreter Textbelege und unter Einbeziehung der biblischen Überlieferung begründet werden.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Jahrgangsstufe 10 mit Erwartungshorizont
Aufgabe 1: Beschreiben Sie, wie Peter Handke in „Lebensbeschreibung“ das Leben und Wirken Jesu darstellt.
Operator: beschreiben
Musterantwort:
Peter Handke stellt in „Lebensbeschreibung“ wesentliche Stationen des Lebens Jesu dar. Der Text beginnt mit seiner Geburt und erwähnt anschließend die Flucht nach Ägypten sowie seine Kindheit und Jugend. Jesus erlernt das Zimmermannshandwerk, verlässt später Nazareth und beginnt öffentlich aufzutreten. Er verkündet das nahe Reich Gottes, vollbringt Wunder und treibt Dämonen aus. Außerdem wird auf sein Auftreten im Jerusalemer Tempel eingegangen. Sein öffentliches Wirken führt schließlich zum Konflikt mit der Obrigkeit. Jesus wird angeklagt, verurteilt und gekreuzigt. Sein Tod und ein damit verbundenes Erdbeben bilden den Abschluss der Lebensbeschreibung. Auffällig ist, dass Jesus im gesamten Text als „Gott“ bezeichnet wird und bekannte biblische Ereignisse in einer nüchternen und teilweise ironischen Alltagssprache dargestellt werden.
Aufgabe 2: Arbeiten Sie an mindestens drei Beispielen heraus, wie Handke biblische Überlieferungen sprachlich verfremdet.
Operator: herausarbeiten
Musterantwort:
Handke verfremdet die biblische Überlieferung vor allem dadurch, dass er religiöse Ereignisse mit Begriffen aus dem modernen Alltag beschreibt. Ein Beispiel ist die Flucht nach Ägypten. In der biblischen Überlieferung flieht die Familie vor der Bedrohung durch Herodes. Handke verbindet die Rückkehr dagegen ironisch mit der Aussage, Jesu „Taten“ seien verjährt. Dadurch entsteht der Eindruck eines Menschen, der nach einer Straftat in seine Heimat zurückkehren kann.
Ein weiteres Beispiel ist die Tempelreinigung. Das Vorgehen Jesu gegen Händler und Geldwechsler wird als Verhinderung des „geregelten Geldverkehrs“ bezeichnet. Damit wird der religiöse Konflikt um die Bedeutung des Tempels in die Sprache wirtschaftlicher und öffentlicher Ordnung übertragen. Jesus erscheint aus dieser Perspektive weniger als prophetischer Kritiker als vielmehr als Störer eines funktionierenden Betriebs.
Auch die Kreuzigung wird verfremdet. Handke beschreibt das Verfahren gegen Jesus in einer Sprache, die an moderne juristische Berichterstattung erinnert. Dadurch wird die theologische Bedeutung des Kreuzestodes zunächst zurückgenommen. Die Kreuzigung erscheint als Hinrichtung eines Angeklagten nach einem problematischen Gerichtsverfahren. Die Verfremdung entsteht somit vor allem durch den Gegensatz zwischen bekannten religiösen Inhalten und einer sachlichen, modernen und teilweise ironischen Sprache.
Aufgabe 3: Analysieren Sie die Wirkung der sachlichen und ironischen Sprache des Textes auf das dargestellte Jesusbild.
Operator: analysieren
Musterantwort:
Die sachliche und ironische Sprache verändert das traditionelle Jesusbild erheblich. Handke verwendet für religiös bedeutsame Ereignisse Begriffe, die aus Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Alltag stammen. Dadurch verlieren die beschriebenen Ereignisse zunächst ihren feierlichen und religiösen Charakter.
Besonders deutlich wird dies bei den Wundern. Sie werden nicht ausführlich als Zeichen göttlichen Handelns dargestellt, sondern knapp und teilweise beiläufig erwähnt. Auch die Tempelreinigung erscheint nicht als prophetisches Zeichen, sondern als Störung wirtschaftlicher Abläufe. Durch solche Formulierungen entsteht ein distanziertes Jesusbild. Jesus erscheint als eine Person, deren Handlungen von außen beobachtet und nach alltäglichen gesellschaftlichen Maßstäben bewertet werden.
Gleichzeitig macht die Verfremdung deutlich, wie stark die Bewertung Jesu von der jeweiligen Perspektive abhängt. Was aus christlicher Sicht als Verkündigung, Wunder oder prophetisches Handeln verstanden wird, kann aus einer anderen Perspektive als Störung, Regelverletzung oder gesellschaftlicher Konflikt erscheinen. Die Sprache des Textes stellt deshalb nicht nur Jesus dar, sondern lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie Sprache die Wahrnehmung einer Person beeinflussen kann.
Aufgabe 4: Vergleichen Sie Handkes Darstellung der Tempelreinigung mit der Darstellung in einem Evangelium. Berücksichtigen Sie dabei Sprache, Perspektive und Deutung des Handelns Jesu.
Operator: vergleichen
Musterantwort:
Sowohl Handkes Text als auch die Evangelien beziehen sich auf ein Geschehen, bei dem Jesus in den wirtschaftlichen Betrieb des Jerusalemer Tempels eingreift. Damit besitzen beide Darstellungen denselben grundlegenden Bezugspunkt. Die Deutung des Geschehens unterscheidet sich jedoch deutlich.
In den Evangelien steht das Handeln Jesu im Zusammenhang mit seinem Verständnis des Tempels und mit religiöser Kritik. Sein Verhalten besitzt dadurch eine prophetische und theologische Dimension. Bei Handke wird dieses Geschehen dagegen mit der Aussage beschrieben, Jesus habe den „geregelten Geldverkehr“ verhindert. Der Schwerpunkt verschiebt sich damit von der religiösen Bedeutung auf die Störung einer gesellschaftlichen Ordnung.
Auch die Perspektive unterscheidet sich. Die Evangelien erzählen aus einer religiösen Perspektive und ordnen Jesu Handeln in seine Verkündigung ein. Handkes Darstellung nimmt dagegen eine distanzierte Außenperspektive ein. Der Vergleich zeigt deshalb, dass dasselbe Geschehen durch unterschiedliche sprachliche und weltanschauliche Perspektiven sehr verschieden gedeutet werden kann.
Aufgabe 5: Erläutern Sie am Beispiel des Textes, was unter literarischer Verfremdung verstanden werden kann.
Operator: erläutern
Musterantwort:
Literarische Verfremdung bedeutet, dass etwas Bekanntes auf ungewohnte Weise dargestellt wird, sodass es den Lesenden fremd oder überraschend erscheint und dadurch neu wahrgenommen werden kann. Genau dieses Verfahren verwendet Handke in „Lebensbeschreibung“. Die Geschichte Jesu ist vielen Menschen aus den Evangelien, aus dem Religionsunterricht und aus christlichen Traditionen bekannt. Handke verändert jedoch die Sprache, mit der diese Geschichte erzählt wird.
Religiöse Begriffe und traditionelle Deutungen werden teilweise durch Begriffe aus Alltag, Verwaltung, Wirtschaft und Justiz ersetzt. Dadurch erscheinen bekannte Ereignisse plötzlich ungewohnt. Die Tempelreinigung wird beispielsweise als Störung des Geldverkehrs beschrieben. Die Verfremdung zwingt die Lesenden dazu, die gewohnte Interpretation nicht einfach zu übernehmen. Sie müssen darüber nachdenken, warum ihnen Handkes Darstellung ungewöhnlich erscheint und welche Vorannahmen sie selbst über Jesus besitzen. Verfremdung kann somit dazu dienen, Bekanntes aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen und vertraute Deutungsmuster kritisch zu reflektieren.
Aufgabe 6: Beurteilen Sie die Aussage: „Handkes Text nimmt Jesus lediglich seine religiöse Bedeutung.“ Beziehen Sie die Gestaltung des Textes und die neutestamentliche Überlieferung in Ihre Argumentation ein.
Operator: beurteilen
Musterantwort:
Die Aussage trifft teilweise zu, greift insgesamt jedoch zu kurz. Für sie spricht, dass Handke viele Ereignisse aus dem Leben Jesu ihrer traditionellen religiösen Sprache entkleidet. Wunder, Verkündigung, Tempelreinigung, Prozess und Tod werden häufig in einer nüchternen und ironischen Sprache dargestellt. Dadurch tritt die theologische Bedeutung dieser Ereignisse zunächst in den Hintergrund.
Gegen die Aussage spricht jedoch, dass gerade diese sprachliche Verfremdung zu einer erneuten Beschäftigung mit der religiösen Bedeutung führen kann. Wer erkennt, dass die Tempelreinigung bei Handke als Störung des Geldverkehrs erscheint, kann danach fragen, warum die Evangelien dasselbe Ereignis anders deuten. Ebenso kann die Darstellung Jesu als gesellschaftlich auffällige Person verdeutlichen, dass sein Auftreten Konflikte auslöste und nicht von allen Zeitgenossen positiv wahrgenommen wurde.
Die Aussage ist deshalb nur eingeschränkt überzeugend. Handkes Text schwächt die traditionelle religiöse Deutung auf der sprachlichen Ebene deutlich ab. Zugleich kann gerade diese Verfremdung dazu führen, dass Lesende ihre bisherigen Vorstellungen von Jesus überprüfen und die neutestamentlichen Texte bewusster wahrnehmen.
Aufgabe 7: Erörtern Sie, inwiefern Handkes „Lebensbeschreibung“ dazu beitragen kann, über die Bedeutung von Sprache für religiöse Vorstellungen nachzudenken.
Operator: erörtern
Musterantwort:
Für die Aussage spricht zunächst, dass Handke zeigt, wie stark sprachliche Entscheidungen die Wahrnehmung religiöser Ereignisse bestimmen. Werden Jesu Handlungen mit Begriffen wie Verkündigung, Wunder oder prophetisches Handeln beschrieben, entsteht ein anderes Bild als bei einer Beschreibung mit Begriffen aus Verwaltung, Justiz und Wirtschaft. Der Text macht dadurch sichtbar, dass religiöse Vorstellungen sprachlich vermittelt werden.
Außerdem fordert die ungewohnte Sprache dazu auf, vertraute Formulierungen kritisch zu überprüfen. Lernende können erkennen, dass auch traditionelle religiöse Sprache eine bestimmte Perspektive auf Jesus ausdrückt. Handkes Text kann deshalb helfen, zwischen einem Ereignis und seiner sprachlichen beziehungsweise theologischen Deutung zu unterscheiden.
Allerdings besteht auch die Gefahr, dass die ironische Darstellung lediglich als Provokation wahrgenommen wird. Ohne Kenntnisse der biblischen Texte könnten einzelne Anspielungen unverständlich bleiben. Auch könnte die ironische Sprache als abschließende Bewertung Jesu missverstanden werden, obwohl sie literarisch gerade dazu dienen kann, Wahrnehmungsgewohnheiten aufzubrechen.
Insgesamt eignet sich der Text besonders für die Reflexion über religiöse Sprache, wenn er mit den entsprechenden neutestamentlichen Texten verglichen wird. Dadurch können Lernende erkennen, dass Sprache nicht neutral ist, sondern wesentlich daran beteiligt ist, wie religiöse Personen, Ereignisse und Glaubensaussagen verstanden werden.