Der Artikel behandelt die paradoxe Situation, dass interreligiöse Bildungsprozesse, die ursprünglich zur Überwindung von Dichotomien zwischen „Wir" und „die Anderen" konzipiert sind, gleichzeitig anfällig für die (Re-)Produktion von Othering-Strukturen sind. Basierend auf einem FWF-geförderten Projekt zum Christlich-Islamischen Religionsunterricht im Teamteaching an österreichischen Schulen werden drei exemplarische Fallbeispiele analysiert. Das erste Beispiel zeigt subtile Othering-Mechanismen in einer Unterrichtssequenz zum Thema Gewalt, wo die katholische Lehrperson zwar Sensibilität für problematische Stereotype aufweist, aber keine adäquaten didaktischen Strategien zur Bearbeitung einsetzt. Das zweite Fallbeispiel stammt aus einem interreligiösen Workshop, in dem eine Lehrperson die islamische Religionspädagogin instrumentalisiert, um eine fastende Schülerin zu einer Regelabweichung zu bewegen – ein Fall, der zeigt, wie hegemoniale Narrative der Mehrheitsgesellschaft implizit andere religiöse Praktiken abwerten. Das dritte Beispiel präsentiert Gruppendiskussionen mit islamischen Religionslehrkräften, die von Othering-Erfahrungen berichten und ein sogenanntes „Gegen-Othering" entwickeln, indem sie sich als Insider positionieren und nichtmuslimische Kolleg*innen als Außenseiter darstellen. Die Analyse zeigt, dass Othering-Mechanismen oft unbewusst entstehen, durch gesellschaftlich verankerte Stereotype aufrechterhalten werden und dass Lehrpersonen zwar potenzielle Sensibilität aufweisen, ihnen aber angemessene Werkzeuge und Kompetenzen zur Bearbeitung fehlen. Der Artikel argumentiert, dass eine reflexive Auseinandersetzung mit postkolonialen Theorien und rassismuskritischen Perspektiven bereits in der Ausbildung verankert werden muss. Zudem wird deutlich, dass Othering kein einseitiger Prozess ist, sondern als Konfrontation unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen um gesellschaftliche Positionen verstanden werden sollte. Konsequenzen werden formuliert für die Professionalisierung von Lehrpersonen, die religionskooperative Lehr-/Lernprozesse begleiten, insbesondere bezüglich der Dekonstruktion von Othering-Strukturen auf der Metaebene.