Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht in den Jahrgangsstufen 10 bis 13 und kann sowohl im Zusammenhang mit Schöpfungstheologie als auch innerhalb einer Unterrichtsreihe zu christlicher Ethik, Verantwortung, Nachhaltigkeit oder Gerechtigkeit eingesetzt werden. Die besondere didaktische Stärke besteht darin, dass eine für Lernende unmittelbar lebensweltlich relevante Frage mit theologischen Deutungsangeboten verbunden wird. Ernährung, Fleischkonsum und der Umgang mit Tieren gehören zur alltäglichen Erfahrungswelt der Lernenden. Gleichzeitig ermöglichen diese Themen eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen des christlichen Menschenbildes: Welche Stellung besitzt der Mensch innerhalb der Schöpfung? Was bedeutet es, Tiere als Mitgeschöpfe wahrzunehmen? Welche Verantwortung folgt aus dem biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung? Und darf der Mensch Tiere grundsätzlich seinen eigenen Interessen unterordnen?
Als Einstieg bietet sich eine offene Positionierung zur Frage „Sind Tiere für den Menschen da?“ an. Die Lernenden können zunächst spontan Stellung beziehen und ihre Position begründen. Alternativ kann eines der Bilder aus Hartmut Kiewerts „Animal Utopia“ als visueller Impuls eingesetzt werden. Die Lernenden beschreiben zunächst möglichst genau, was sie wahrnehmen, bevor sie das dargestellte Verhältnis von Mensch und Tier interpretieren. Dadurch wird verhindert, dass vorschnell moralische Bewertungen vorgenommen werden. Anschließend kann gefragt werden, welche Elemente der dargestellten Welt vertraut und welche ungewöhnlich erscheinen. Besonders ergiebig ist die Frage, welche Grenzen Kiewert in seinen Bildern aufhebt. Dabei können die Lernenden erkennen, dass gewohnte Kategorien wie Haustier, Nutztier und Lebensmittel keineswegs selbstverständlich sind, sondern menschliche Zuschreibungen darstellen. Kiewerts Bilder können außerdem mit der biblischen Vision des Friedensreiches aus Jesaja 11 verglichen werden. Beide Vorstellungen entwerfen ein friedliches Zusammenleben der Geschöpfe und ermöglichen dadurch eine Diskussion über die Bedeutung religiöser Utopien für gegenwärtiges Handeln.
Ein Audio oder audiovisueller Beitrag über Kiewerts Kunst kann anschließend dazu dienen, die Perspektive des Künstlers kennenzulernen und die zuvor entwickelten Vermutungen zu überprüfen. Im Material wird dazu ein rund sechsminütiger Beitrag von MDR Kultur über Hartmut Kiewert und eine Welt ohne Tierleid empfohlen. Der Künstler erläutert darin selbst seine Anliegen und die Gedanken hinter seinen Werken. Vor dem Hören erhalten die Lernenden Beobachtungsaufträge. Sie können beispielsweise darauf achten, welche Kritik am gegenwärtigen Verhältnis von Mensch und Tier formuliert wird, welche alternative Vorstellung des Zusammenlebens entwickelt wird und welche Rolle Kunst bei der Veränderung gesellschaftlicher Vorstellungen spielen kann. Nach einem ersten Hören werden Eindrücke gesammelt. Bei einem zweiten Durchgang können einzelne Aussagen gezielt erschlossen und mit den zuvor betrachteten Bildern verbunden werden.
Eine weitere Vertiefung bietet die Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Fleischproduktion. Das Material macht deutlich, dass die ethische Problematik nicht ausschließlich das Tier betrifft. Auch Menschen können innerhalb industrieller Produktionsbedingungen ausgebeutet und in ihrer Würde verletzt werden. Dadurch lässt sich die Fragestellung bewusst erweitern: Aus der Frage nach Tierwohl wird die umfassendere Frage nach Gerechtigkeit gegenüber allen Geschöpfen. Lernende können in Gruppen unterschiedliche Perspektiven übernehmen, beispielsweise die Perspektive eines Tieres, eines Beschäftigten in einem Schlachtbetrieb, eines Konsumenten, einer Landwirtin, eines Unternehmers oder einer Theologin. Die Gruppen formulieren Interessen, Konflikte und mögliche Verantwortlichkeiten. Anschließend können die Ergebnisse in einem moderierten Gespräch miteinander verglichen werden.
Für eine theologische Vertiefung eignet sich besonders die im Material aufgegriffene Position von Simone Horstmann. Ihre Überlegungen zur Seele stellen die verbreitete Vorstellung infrage, die Seele sei ein exklusiver Besitz des Menschen. Stattdessen wird mit den Begriffen Nefesch, Ruach und Pneuma eine dynamische Lebenskraft in den Mittelpunkt gestellt, durch die Menschen und Tiere miteinander verbunden gedacht werden können. Die Lernenden können diese Position zunächst in eigenen Worten zusammenfassen und anschließend diskutieren, welche Konsequenzen ein solches Verständnis für das Verhältnis zu Tieren hätte. Dabei sollte der Unterricht Raum für unterschiedliche religiöse und nicht religiöse Positionen lassen. Ziel ist nicht die Vorgabe eines bestimmten Ernährungsverhaltens, sondern die Entwicklung begründeter ethischer Urteile.
Als Abschluss bietet sich eine erneute Positionierung zur Einstiegsfrage an. Die Lernenden vergleichen ihre ursprüngliche Antwort mit ihrer Position nach der Beschäftigung mit Kunst, Audio, Bibel und theologischen Texten. Sie können schriftlich festhalten, ob und wodurch sich ihre Sichtweise verändert hat. Alternativ kann ein persönliches Statement zur Frage „Was bedeutet Verantwortung gegenüber Tieren für mich?“ verfasst werden. Auf diese Weise werden Sachkompetenz, Wahrnehmungskompetenz, Deutungskompetenz und ethische Urteilskompetenz miteinander verbunden.
Fragestellungen zum Audio mit Antworten
Welche Vorstellung vom Verhältnis zwischen Mensch und Tier wird im Medium sichtbar?
Das traditionelle Verhältnis, in dem der Mensch über Tiere verfügt und sie nach ihrem Nutzen kategorisiert, wird infrage gestellt. Stattdessen wird eine Vorstellung entwickelt, in der Menschen und Tiere als Lebewesen miteinander verbunden sind und Tiere als eigenständige und schützenswerte Geschöpfe wahrgenommen werden.
Was ist unter „Animal Utopia“ zu verstehen?
Damit ist die künstlerische Vorstellung einer anderen Welt gemeint, in der Menschen und Tiere friedlich zusammenleben. Tiere erscheinen nicht mehr vor allem als Nutztiere oder Lebensmittel. Sie teilen vielmehr selbstverständlich Lebensräume mit Menschen. Diese Utopie macht sichtbar, dass das gegenwärtige Verhältnis zwischen Mensch und Tier nicht alternativlos ist.
Welche Grenzen werden durch die Kunst Hartmut Kiewerts infrage gestellt?
Infrage gestellt werden insbesondere die Grenzen zwischen Mensch und Tier, Haustier und Nutztier sowie zwischen unterschiedlichen Lebensräumen. Tiere, die normalerweise mit Landwirtschaft oder Fleischproduktion verbunden werden, erscheinen selbstverständlich innerhalb menschlicher Lebenswelten. Dadurch werden gewohnte Kategorien und Wertungen sichtbar und hinterfragbar.
Warum ist das Thema auch eine Frage der Gerechtigkeit?
Die Frage betrifft sowohl Tiere als auch Menschen. Tiere können durch intensive Haltung und Fleischproduktion zu Waren reduziert werden. Gleichzeitig können Menschen unter problematischen Bedingungen in der Fleischindustrie arbeiten. Tierethik, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit lassen sich deshalb nicht vollständig voneinander trennen.
Welche Verbindung besteht zur christlichen Schöpfungstheologie?
Die Schöpfungstheologie versteht die Welt als Schöpfung Gottes. Der Mensch steht damit nicht einer bedeutungslosen Natur gegenüber, über die er beliebig verfügen könnte. Menschen, Tiere und die natürliche Umwelt können vielmehr als Teile eines gemeinsamen Schöpfungszusammenhangs betrachtet werden. Daraus ergibt sich die Frage nach Verantwortung und Bewahrung.
Welche Parallele besteht zwischen „Animal Utopia“ und Jesaja 11?
Jesaja 11 entwirft die Vision eines Friedensreiches, in dem bisher verfeindete Geschöpfe friedlich miteinander leben. Auch Kiewerts Bilder stellen eine Welt dar, in der Gewaltverhältnisse überwunden sind und Menschen und Tiere selbstverständlich miteinander leben. Beide Darstellungen können deshalb als Utopien eines umfassenden Friedens gelesen werden.
Welche Bedeutung besitzt der Begriff Mitgeschöpf?
Der Begriff betont, dass Tiere nicht ausschließlich nach ihrem Nutzen für Menschen bewertet werden. Mensch und Tier gehören gemeinsam zur Schöpfung. Diese Vorstellung kann dazu führen, Tiere stärker als eigenständige Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen.
Was bedeutet die Vorstellung des Beseeltwerdens?
Die im Material dargestellte theologische Perspektive versteht Seele weniger als einen Besitz, den ausschließlich Menschen haben. Mit den Begriffen Nefesch, Ruach und Pneuma wird vielmehr die Lebenskraft lebendiger Wesen hervorgehoben. Menschen und Tiere können dadurch in ihrer Lebendigkeit und Geschöpflichkeit stärker miteinander verbunden gedacht werden.
Welche Verantwortung ergibt sich daraus für Menschen?
Menschen müssen ihr Handeln gegenüber anderen Lebewesen kritisch prüfen. Dazu gehören Fragen nach Ernährung, Konsum, Tierhaltung, Produktionsbedingungen und dem Schutz natürlicher Lebensräume. Verantwortung bedeutet dabei nicht, dass es nur eine zulässige Antwort gibt. Lernende sollen vielmehr unterschiedliche Positionen prüfen und ein eigenes ethisches Urteil begründen.
Kann Kunst gesellschaftliche Einstellungen gegenüber Tieren verändern?
Kunst kann vertraute Vorstellungen irritieren und alternative Möglichkeiten sichtbar machen. Gerade weil Kiewerts Bilder eine ungewöhnliche Normalität zeigen, in der Menschen und sogenannte Nutztiere friedlich miteinander leben, regen sie dazu an, gegenwärtige Verhältnisse nicht als selbstverständlich hinzunehmen.
Sind Menschen und Tiere aus christlicher Perspektive gleich?
Die Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Christliche Traditionen haben dem Menschen häufig eine besondere Verantwortung innerhalb der Schöpfung zugesprochen. Diese besondere Stellung muss jedoch nicht bedeuten, dass Tiere beliebig benutzt werden dürfen. Sie kann gerade als Auftrag verstanden werden, andere Geschöpfe zu schützen und verantwortlich mit ihnen umzugehen.
Welche persönliche Frage stellt das Medium letztlich an die Lernenden?
Es fordert dazu auf, das eigene Verhältnis zu Tieren und den eigenen Lebensstil zu reflektieren. Damit verbindet sich die Frage, welche Verantwortung Menschen für andere Geschöpfe tragen und welche Konsequenzen diese Verantwortung im persönlichen und gesellschaftlichen Handeln haben kann.
Der Text entwickelt eine Unterrichtssequenz, die bildgestützt und multiperspektivisch arbeitet: Kunst wird zum Resonanzraum, um ethische und theologische Grundfragen zu Schöpfung, Würde und Gerechtigkeit zu erschließen. Bereits die Rahmung macht deutlich, dass „Bewahrung der Schöpfung“ nicht auf Naturschutz verengt werden kann, sondern stets soziale Dimensionen mitberührt: Klimawandel, globale Ungleichheiten, Gewalt- und Krisenerfahrungen verweisen auf verflochtene Verantwortungszusammenhänge. Im Zentrum steht dabei eine verschobene Perspektive: Nicht nur das Tier erscheint als schutzwürdiges Gegenüber, sondern auch der Mensch wird als verletzliches Geschöpf sichtbar, das auf Schutz, faire Bedingungen und Anerkennung angewiesen ist.
Als Einstieg dient der Zyklus „Animal Utopia“ von Hartmut Kiewert. Exemplarisch wird das Bild „Hügel“ (2020) beschrieben: Menschen und unterschiedliche Tiere begegnen sich in einer Picknick-Szene; im Hintergrund steht die Ruine eines Schlachtbetriebs. Didaktisch ist dieses Bild stark, weil es mehrere Ebenen zugleich öffnet: (1) eine utopische Gegenwelt, in der die Grenzen zwischen Haus-, Wild- und Nutztier relativiert sind und die Tiere ohne Angst „sein dürfen“, (2) eine sozialethische Spur, die Arbeitsrealitäten der Fleischindustrie mitdenkt und möglicherweise die Würde verletzter menschlicher Arbeitskräfte in die Bildutopie hineinliest, (3) eine theologische Deutungsebene, die „Frieden“ nicht als kitschige Idylle, sondern als „Ruhe nach der Katastrophe“ versteht, in der das überwundene Böse als Spur sichtbar bleibt. Lernpsychologisch ermöglicht das Bild einen affektiven Zugang: Schüler*innen reagieren meist spontan auf Nähe, Blickkontakte, Körperhaltungen, die Ruine im Hintergrund, den Gegensatz von Angstfreiheit und angedeutetem Vorher.
Im nächsten Schritt wird das Bild theologisch gerahmt, ohne es vorschnell zu vereinnahmen: Der Text benennt ausdrücklich, dass der Künstler religiöse Kontextualisierungen zurückweist – gerade das ist didaktisch produktiv, weil es Schüler*innen zu einer transparenten Unterscheidung anleitet: Was zeigt das Bild? Was legen wir hinein? Welche Deutesprache verwenden wir – künstlerisch, ethisch, theologisch? Auf dieser Basis werden Bezüge zum messianischen Friedensbild (Jes 11) sichtbar: Die Vision der aufgehobenen Feindschaften zwischen Geschöpfen, die Hoffnung auf Gerechtigkeit für Schwache, und die Frage, wer in modernen Systemen „schwach“ ist – Tiere, migrantische Arbeitskräfte, ökonomisch Abhängige – werden miteinander ins Gespräch gebracht.
Die Sequenz weitet sich dann sozialethisch, indem ein Bericht über Missstände in fleischverarbeitenden Großbetrieben (unter anderem im Kontext der Pandemie) die Perspektive auf den Menschen als mitbetroffenes, verletztes Geschöpf schärft. Didaktisch bedeutsam ist hier die Irritation: Vielen Lernenden ist Tierleid präsent, weniger präsent ist, dass auch Menschen „einen Preis“ zahlen, wenn Konsumstrukturen Ausbeutung begünstigen. Ein weiterer Fokus liegt auf zivilgesellschaftlichem und kirchlichem Handeln am Beispiel eines Pfarrers, der sich für gerechte Arbeitsbedingungen engagiert. Damit wird „Schöpfungsverantwortung“ konkret: nicht nur als private Moral (weniger Fleisch), sondern als Frage nach Arbeitsrecht, politischer Gestaltung, öffentlicher Solidarität und der Rolle religiöser Akteure im gesellschaftlichen Diskurs.
Ein dritter Strang führt über den Gedanken der Grenzen: Ein Textauszug von Hilal Sezgin (im Beitrag inhaltlich referiert) deutet Unrecht als Ergebnis von Grenzziehungen – geografisch, vor allem aber begrifflich: Sprache und Kategorien („Nutztier“, „Fleisch“, „Ware“) stabilisieren Praktiken, die Schutz, Unversehrtheit und basale Freuden verwehren. Kiewerts Bilder werden als Grenzüberschreitungen gelesen: Tiere erscheinen in Wohnräumen, Stadtszenen, in ruhiger Nähe zu Menschen; die Grenze „Fleisch vs. Tier“ bricht auf, weil das Tier als Individuum wieder sichtbar wird. Besonders die Kinderfiguren funktionieren als Hoffnungsträger: Sie verkörpern eine weniger routinierte, weniger zynische Wahrnehmung, die Gewöhnungsgrenzen infrage stellt.
Theologisch wird diese Grenzdebatte durch einen Text von Simone Horstmann vertieft, der den Seelenbegriff neu akzentuiert: nicht „eine Seele besitzen“, sondern „beseelt werden“ als dynamische Erfahrungswirklichkeit, die Mensch und Tier verbindet. So wird „Gotteserfahrung“ als Moment unerwarteter Resonanz und Berührung gedacht – eine Sprache, die zur Bildarbeit passt und Schüler*innen erlaubt, religiöse Deutung nicht nur als Dogmatik, sondern als Erfahrungssprache zu verstehen. Das Abschlussbild „Brothers From Different Mothers“ bündelt die Linien: Geschwisterlichkeit, Raumteilung, Grenzauflösung, kindliche Hoffnung – ohne die Ambivalenzen zu negieren.
Methodisch-didaktisch eignet sich die Sequenz besonders für die Oberstufe, weil sie anspruchsvolle Kompetenzen verknüpft: Bildanalyse und Deutungsplausibilität, ethische Urteilsbildung in komplexen Systemen, theologische Begriffsklärung (Schöpfung, Bewahrung, Gerechtigkeit, Frieden, Seele), sowie Perspektivenwechsel zwischen Kunst, Bibel, Gegenwartsanalyse und persönlicher Haltung. Wichtig ist eine klare Prozessdramaturgie: Einstieg über Bildresonanz (Wahrnehmung, Irritation, Fragen), Vertiefung über Kontextwissen (Industrie, Arbeit, Sprache), theologische Klärung (Schöpfungs- und Friedensmotive), und Abschluss über Synthese (Grenzen, Würde, Resonanz, Handlungsoptionen). Zugleich braucht es eine sensible Rahmung, die moralisierende Kurzschlüsse vermeidet und stattdessen begründetes Denken fördert: nicht „richtiges Konsumverhalten“ als Endpunkt, sondern die Frage, wie Würde, Gerechtigkeit und Schöpfungsverantwortung in realen Konfliktlagen tragfähig gedacht und praktisch unterstützt werden können.