Didaktisch eignet sich das Medium besonders für einen problemorientierten Religionsunterricht, weil es nicht von einer feststehenden Definition der Seele ausgeht. Vielmehr werden die unterschiedlichen Vorstellungen der Lernenden zum Ausgangspunkt theologischen Denkens. Gerade die Offenheit des Seelenbegriffs ermöglicht es, religiöse, philosophische, naturwissenschaftliche und lebensweltliche Deutungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Unterricht kann dadurch deutlich machen, dass Begriffe wie Seele nicht einfach eine eindeutig feststellbare Wirklichkeit bezeichnen, sondern von unterschiedlichen religiösen Traditionen und Weltanschauungen verschieden verstanden werden. Begriffsarbeit wird damit zu Deutungslernen und zugleich zu einer Einführung in hermeneutisches Denken. Methodisch ist das Material als mehrteiliger Lernweg angelegt. Zu Beginn können die Lernenden anhand des Bilderbuchs und der Frage nach den Geheimnissen der Natur eigene Vorstellungen von Natur und Leben entwickeln. Die Placemat Methode ermöglicht zunächst individuelles Nachdenken und anschließend den Austausch innerhalb der Gruppe. Die Ergebnisse werden gemeinsam verdichtet, vorgestellt und im Klassenverband diskutiert. Im weiteren Verlauf eignet sich die Mystery Methode zur Frage, was für ein Wesen auf dem Tisch liegt. Die Lernenden ordnen vorgegebene Begriffe und entwickeln daraus eine Mindmap. Entscheidend ist dabei ausdrücklich nicht eine einzige richtige Lösung, sondern die nachvollziehbare Begründung der jeweiligen Zuordnung und deren Verteidigung im Gespräch. Daran anschließend wird die Leitfrage nach der Seele der Kreatur bearbeitet. Die angebotenen Begriffe greifen jüdische, christliche, muslimische, buddhistische und materialistische Vorstellungen auf. Sie können abhängig von Alter, Lerngruppe und Leistungsniveau ausgewählt und reduziert werden. Besonders ergiebig ist es, die Lernenden ihre eigenen Kriterien formulieren zu lassen: Gehören Denken, Gefühle, Selbstständigkeit, ein eigener Wille, ein Ich oder die Fähigkeit zu Beziehungen zu den Voraussetzungen dafür, von einer Seele zu sprechen? Auf diese Weise wird die zunächst fantastische Geschichte zu einer anthropologischen und theologischen Lernaufgabe. Die Frage „Was wollte die Kreatur von Mary?“ erweitert die Perspektive um Empathie und Perspektivübernahme. Mit dem Magic Circle können zunächst unterschiedliche Deutungen gesammelt werden, bevor sie in einem stummen Schreibgespräch kommentiert, hinterfragt und weiterentwickelt werden. Zum Abschluss bietet sich die im Material vorgeschlagene Rollenarbeit an. Die Lernenden versetzen sich in die Kreatur und schreiben aus deren Perspektive einen Brief an Victor, in dem sie ihr Leben und ihre Gefühle darstellen. Dadurch werden Sachkompetenz, religiöse Deutungskompetenz, Urteilsfähigkeit und Empathie miteinander verbunden. Darüber hinaus besitzt das Medium eine hohe Gegenwartsrelevanz. Die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und künstlich geschaffenem Wesen lässt sich auf heutige Diskussionen über künstliche Intelligenz beziehen, die im Material ausdrücklich als gesellschaftliche Zuspitzung der Frage nach der Unterscheidung von Mensch und Maschine angesprochen werden. Wichtig ist dabei, die Frage nach der Seele konsequent offen zu halten und vorschnelle Festlegungen zu vermeiden. Gerade das begründete Fragen, Vergleichen und Urteilen bildet den religionspädagogischen Kern des Mediums.
Klassenstufe: 5–7 (Lebensfrage 7: Fragen nach der Wirklichkeit), am besten geeignet für Klasse 6–7, da die Methoden und Begriffe eine gewisse Reflexionsfähigkeit voraussetzen.
Thematische Einordnung:
Die Einheit greift eine der grundlegendsten anthropologischen Fragen auf – was den Menschen als Menschen ausmacht – und verdichtet sie in der provokanten Frage: Hatte Frankensteins Monster eine Seele? Damit verbindet sie Lebensweltbezug (Filme, Popkultur, KI-Diskussion) mit theologisch-philosophischer Begriffsarbeit. Der Seelenbegriff wird bewusst nicht dogmatisch eingeführt, sondern als deutungsoffener, mehrdeutiger Begriff erkundet.
Aufbau der Unterrichtseinheit (4 Teile):
Teil 1 führt über das Bilderbuch und die Figur Mary Shelleys in die Begriffe „Natur" und „Leben" ein. Die Placemat-Methode fördert kooperatives Denken und strukturiertes Argumentieren. Gut geeignet als Einstieg, weil die Schüler*innen zunächst niedrigschwellig ihre Alltagsvorstellungen einbringen können.
Teil 2 nutzt die Mystery-Methode, um die Beschaffenheit der Frankenstein-Kreatur zu erkunden und dann die Seelenfrage anzubahnen. Die offenen Stichwortkarten (M3, M4) ermöglichen unterschiedliche Lösungswege und regen zur Diskussion an, ohne eine Antwort vorwegzunehmen. Besonders wertvoll: Die Seelenbeschreibungen auf M4 spiegeln jüdische, christliche, muslimische, buddhistische und materialistische Vorstellungen – interreligiöses Lernen wird so beiläufig, aber substanziell eingeführt.
Teil 3 arbeitet mit dem Magic Circle und dem Stillen Schreibgespräch. Diese Methoden fördern reflektiertes, ruhiges Nachdenken und geben auch zurückhaltenderen Schüler*innen Raum. Die Frage „Was wollte die Kreatur von ihr?" öffnet den Blick für Themen wie Einsamkeit, Zugehörigkeit und Würde – und verbindet die literarische mit der theologischen Dimension.
Teil 4 mündet in eine kreative Schreibaufgabe (Brief der Kreatur an Victor Frankenstein), die Perspektivübernahme, Empathie und theologische Reflexion verbindet. Hier lässt sich gut an Aussagen über die Seele als Träger von Würde und Beziehungsfähigkeit anknüpfen.
Methodische Stärken:
Die Einheit ist methodisch sehr abwechslungsreich und schülerzentriert. Alle vier Methoden (Placemat, Mystery, Magic Circle, Stilles Schreibgespräch) sind gut erprobt und aufeinander aufgebaut. Lehrkräfte erhalten präzise Anleitungen zur Durchführung. Die offene Ergebnisstruktur verhindert vorschnelle Antworten und fördert echte Auseinandersetzung.
Hinweise zur Vorbereitung:
Das Bilderbuch „Sie schuf ein Monster" (Hacht-Verlag, 2022) muss angeschafft werden.
Die Stichwortkarten M3 und M4 müssen ausgedruckt und ausgeschnitten bereitliegen.
Für Teil 3 werden DIN-A3-Bögen benötigt.
Für vertieftes Hintergrundwissen empfiehlt sich der Terra-X-Film „Mythos Frankenstein" (ZDF, 45 Min.).
Differenzierung:
Der Begriff „Leben" (M2) kann für ältere Schüler*innen in Teil 1 ergänzend einbezogen werden. Die Anzahl der Stichwortkarten bei M4 kann je nach Klassenstufe reduziert werden.
Aktueller Bezug:
Der Artikel verweist explizit auf die KI-Debatte als gesellschaftliche Zuspitzung der Seelenfrage – ein Anknüpfungspunkt, der gerade in höheren Klassen gewinnbringend aufgegriffen werden kann.