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Plädoyers für eine Pädagogik der einen Welt

Veröffentlichung:1.1.2026

Der Fachartikel wurde von Dr. Henning Schluß, Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien, unter dem Titel „Teilhabe der leisen Stimmen – Plädoyers für eine Pädagogik der einen Welt“ verfasst. Er umfasst drei Seiten, die Seiten 25 bis 27 der Zeitschrift zeitsprung 1/2026.

Der Artikel fragt danach, wie Bildung das Verhältnis des Menschen zur nichtmenschlichen Natur neu bestimmen kann. Ausgangspunkt ist die Kritik an einer anthropozentrischen Vorstellung, nach der der Mensch die Welt gestalten, beherrschen und verbessern soll. Dem stellt Schluß eine Pädagogik des Zuhörens, der Stille und der Zurücknahme eigener Interessen gegenüber.

Theologisch behandelt der Artikel vor allem das christliche Menschenbild und das Verhältnis von Mensch und Schöpfung. Er thematisiert die Frage, ob die biblischen Schöpfungserzählungen zur Trennung von Mensch und Welt beigetragen haben und wie der Auftrag, die Welt zu „bebauen und zu bewahren“, verstanden werden kann. Eine zentrale theologische Bezugsperson ist Meister Eckhart. Dessen mystisches Bildungsverständnis der vita passiva beschreibt Bildung nicht als Selbstermächtigung, sondern als Loslassen, Zurücktreten und Offenwerden für Gott und für das Andere. Daraus ergibt sich die religionspädagogische Frage, wie Menschen lernen können, die Natur nicht lediglich als Objekt menschlichen Handelns, sondern als Teil einer gemeinsamen Mitwelt wahrzunehmen.

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Henning Schluß beginnt seinen Artikel mit einem Rückblick auf die Aufklärung und den Neuhumanismus. Für diese Epochen sei ein starker Wille charakteristisch gewesen, die Welt zu gestalten und zu verbessern. Dieser Gestaltungsoptimismus beruhe auf der Vorstellung, dass Menschen ihre Lebensbedingungen aktiv verändern können. Schluß stellt diesem Verständnis ältere Bildungsvorstellungen gegenüber. Besonders wichtig ist für ihn die Mystik Meister Eckharts. Bildung bedeutet dort gerade nicht, sich selbst und die Welt möglichst umfassend zu gestalten. Stattdessen geht es darum, von sich selbst abzusehen, loszulassen und auf eigene Selbstgestaltungsbemühungen zu verzichten. Der Mensch soll dadurch so werden können, wie Gott ihn gedacht hat. Schluß bezeichnet dieses Verständnis als vita passiva. Stille erhält darin eine besondere Bedeutung, weil erst durch sie ein Hören auf diejenigen möglich werde, die keine oder nur eine leise Stimme haben.

Die moderne Selbstermächtigung des Menschen hat nach Schluß jedoch problematische Folgen. Er verweist auf Kriege und Völkermorde, vor allem aber auf die gegenwärtige ökologische Krise. Klimawandel, Nitratbelastung des Grundwassers, Mikroplastik und Umweltverschmutzung zeigen für ihn, dass menschliches Handeln die Belastungsgrenzen des Planeten überschritten hat. Deshalb werden zunehmend Ansätze entwickelt, die eine anthropozentrische Sichtweise kritisch hinterfragen. Problematisch erscheint insbesondere die Vorstellung einer „Umwelt“, die dem Menschen gegenübersteht. Wird die Welt nur als Umwelt des Menschen verstanden, erscheint der Mensch selbst nicht mehr als Teil dieser Welt.

Schluß greift an dieser Stelle auch eine theologische Fragestellung auf. Die Trennung zwischen Mensch und Welt könne unter anderem auf die biblischen Schöpfungserzählungen oder auf den Rationalismus René Descartes zurückgeführt werden. Für seine Argumentation ist weniger entscheidend, wo diese Trennung ihren Ursprung hat. Entscheidend ist, dass Mensch und Umwelt häufig so gedacht werden, als gehörten sie nicht in gleicher Weise zu einem gemeinsamen Kosmos. Selbst der Gedanke, der Mensch solle die Welt bebauen und bewahren, könne die Natur zum Objekt menschlicher Bemühungen machen. Schluß plädiert deshalb dafür, dieses Gegenüber zu überwinden und stattdessen gegenseitige Abhängigkeiten und Gemeinsamkeiten wahrzunehmen.

Anschließend stellt der Autor verschiedene philosophische Ansätze vor, die eine solche Veränderung ermöglichen könnten. Bruno Latour fragt in seinem Werk Das Parlament der Dinge, wie die nichtmenschliche Natur zu einem gleichberechtigten Teil der gemeinsamen Welt werden kann. Schluß erläutert diese Idee anhand der Geschichte demokratischer Teilhabe. Der Kreis der Menschen, die politisch mitbestimmen dürfen, wurde historisch immer weiter ausgedehnt. Die weiterführende Frage lautet deshalb, ob auch die nichtmenschliche Natur Möglichkeiten der Teilhabe erhalten kann. 

Alberto Acosta entwickelt mit dem Konzept des Buen Vivir einen rechtlichen Zugang. Natur könne als Rechtssubjekt verstanden werden. Ein Fluss wäre dann beispielsweise nicht nur deshalb juristisch schützenswert, weil seine Verschmutzung Menschen schadet. Er hätte eigene Rechte, die durch menschliche Stellvertretungen vor Gericht geltend gemacht werden könnten. Schluß verdeutlicht dies zusätzlich am Beispiel eines Waldes, der sich rechtlich gegen seine Rodung wehren könnte. Natur würde damit nicht länger ausschließlich als Objekt menschlichen Handelns verstanden, sondern als Subjekt innerhalb einer gemeinsamen Welt. 

Einen weiteren Ansatz findet Schluß bei Martha Nussbaum. Ihr Befähigungsansatz geht davon aus, dass Menschen die Möglichkeit erhalten sollen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Dieser Ansatz ist auch für Inklusionspädagogik und Religionspädagogik relevant. Nussbaum erweitert ihn inzwischen auf empfindungsfähige Tiere. Auch Tiere sollen demnach das Recht besitzen, ihre jeweiligen Fähigkeiten zu entfalten. 

Donna Haraway beschäftigt sich ebenfalls mit Beziehungen zwischen Menschen und anderen Arten. Am Zusammenleben von Menschen und Hunden untersucht sie, was geschieht, wenn unterschiedliche Spezies gemeinsam leben. Mit dem Begriff des Chthuluzän entwickelt sie außerdem einen Gegenbegriff zum Anthropozän. Während das Anthropozän weiterhin den Menschen in den Mittelpunkt stellt, betont das Chthuluzän die Gemeinschaft verschiedener Arten. In dieser Perspektive erhalten auch Lebewesen wie Oktopusse, Korallen oder Spinnen einen eigenen Anteil an der gemeinsamen Welt. 

Am Ende führt Schluß diese Überlegungen zur Pädagogik zurück. Zunächst könnte die Forderung, neben den Menschen auch die gesamte Natur zu berücksichtigen, wie eine zusätzliche Überforderung erscheinen. Schluß schlägt jedoch die gegenteilige Interpretation vor. Die Teilhabe der nichtmenschlichen Natur könne Menschen entlasten, weil sie nicht mehr allein über alles entscheiden müssten. Voraussetzung dafür sei allerdings die Fähigkeit zuzuhören und von den eigenen Interessen abzusehen. 

Damit kehrt der Artikel zu Meister Eckhart zurück. Bildung soll Lernende dazu befähigen, nicht ausschließlich die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zum Maßstab zu machen. Sie sollen lernen, sich zu öffnen, hinzuhören und auch solche Stimmen wahrzunehmen, die sich nicht laut bemerkbar machen. Stille erhält dadurch eine pädagogische, ethische und religiöse Bedeutung. Sie schafft die Voraussetzung dafür, Teilhabe über den Menschen hinaus zu denken. Die Welt erscheint dann nicht mehr lediglich als menschliche Umwelt, sondern als gemeinsame Mitwelt. Genau darin liegt die zentrale pädagogische Perspektive des Artikels.

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28.9.2026

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