Das Medium eignet sich insbesondere für die Grundschule und eröffnet einen lebensweltlich orientierten Zugang zur Jonaerzählung. Ausgangspunkt können Erfahrungen der Lernenden mit Ungerechtigkeit, Streit, Schuld, Wut und dem Wunsch nach Konsequenzen sein. Gerade Jonas widersprüchliche Gefühle ermöglichen Identifikation, ohne dass seine Reaktionen vorschnell bewertet oder auf eine eindeutige moralische Botschaft reduziert werden müssen. Didaktisch besonders ergiebig ist deshalb die im Material hervorgehobene Ambivalenz zwischen Vergeltung und Güte. Die Lernenden können der Frage nachgehen, ob Schuld immer Strafe verlangt, was Vergebung voraussetzt und ob Vergebung auch gegenüber Menschen möglich ist, die anderen schweres Unrecht zugefügt haben. Damit unterstützt das Medium neben religiöser Deutungskompetenz insbesondere die Entwicklung von Urteilsfähigkeit und Ambiguitätstoleranz.
Methodisch bietet sich eine schrittweise Erschließung entlang der vier Module an. Zu Beginn können die Lernenden sammeln, welche Verhaltensweisen sie als böse oder ungerecht wahrnehmen. Im Material wird vorgeschlagen, Ninive mit Bauklötzen aufzubauen und einzelne Steine mit Begriffen für problematisches Verhalten zu versehen. Dadurch wird die zunächst abstrakte Frage nach dem Bösen konkretisiert und visualisiert. Anschließend kann die Lehrkraft die erste Episode erzählen und mit den Lernenden darüber theologisieren, weshalb Gott Jona nach Ninive schickt und weshalb Jona diesen Auftrag verweigert. Dabei sollte das Gespräch offen gestaltet werden. Die Lehrkraft übernimmt weniger die Rolle einer Person, die richtige Antworten vorgibt, sondern begleitet einen gemeinsamen Suchprozess. Gerade Fragen nach Gottes Gerechtigkeit, nach der Verantwortung der Menschen und nach den Grenzen von Vergebung sollten unterschiedliche Positionen zulassen.
Im zweiten Modul lässt sich Jonas Flucht als äußere und innere Bewegung erschließen. Seine Reise führt immer weiter weg von seinem Auftrag und scheinbar auch immer weiter weg von Gott. Die Stationen Land, Schiff, Meer und Fisch können von den Lernenden nachvollzogen und hinsichtlich Jonas zunehmender Aussichtslosigkeit gedeutet werden. Zugleich eröffnet sich die theologische Frage, ob ein Mensch sich überhaupt vollständig von Gott entfernen kann. Das Material verbindet Jonas Fall deshalb mit der Hoffnung, dass auch der sich verweigernde Mensch von Gott nicht vergessen wird. Die räumliche Bewegung der Erzählung kann im Unterricht visualisiert werden, sodass die Lernenden nicht nur den Handlungsverlauf wiedergeben, sondern seine symbolische Bedeutung erschließen.
Das dritte Modul bietet einen Zugang zu Gebet, Hoffnung und Rettung. Jonas Aufenthalt im Fisch kann als Grenzerfahrung und zugleich als Schutzraum interpretiert werden. Sein Gebet greift Psalmworte auf und bringt seine erneute Hinwendung zu Gott zum Ausdruck. Für die Unterrichtspraxis empfiehlt sich hier eine ruhige Arbeitsphase. Die Lernenden können einzelne Aussagen aus Jonas Gebet auswählen, deren Bildsprache untersuchen und überlegen, welche Gefühle darin zum Ausdruck kommen. Anschließend können sie einen eigenen Satz zu Hoffnung, Angst, Vertrauen oder Rettung formulieren. Das Material schlägt hierfür ausdrücklich eine stille Phase vor, die gegebenenfalls durch meditative Musik unterstützt werden kann. Persönliche Äußerungen sollten freiwillig bleiben und nicht kommentiert oder bewertet werden.
Besonders diskussionsintensiv ist das vierte Modul. Ninive verändert sich und wird von Gott nicht zerstört, während Jona gerade darüber zornig wird. Die Lernenden können herausarbeiten, warum Gottes Vergebung für Jona zum Problem wird und welche Rolle dabei die Opfer des zuvor begangenen Unrechts spielen. Die Frage, ob Umkehr ausreicht oder ob Schuld weitere Konsequenzen haben muss, sollte bewusst offengehalten werden. Das Gleichnis vom Rizinusbaum verschärft diese Auseinandersetzung, weil Jona um einen Baum trauert, zugleich aber die Vernichtung einer ganzen Stadt akzeptieren möchte. Für eine abschließende Positionierung können verschiedene Bereiche des Klassenraums unterschiedliche Sichtweisen repräsentieren. Die Lernenden können sich Jona anschließen, Gottes Entscheidung unterstützen oder eine dritte Position entwickeln und ihre Entscheidung argumentativ begründen. Diese Methode verbindet die persönliche Positionierung mit dem Wahrnehmen anderer Perspektiven und dem begründeten theologischen Gespräch.
Als Abschluss der Unterrichtsreihe eignet sich die auf Seite 7 vorgestellte Bildbetrachtung. Das Bild von Juliane Heidenreich stellt den mächtigen Fischbauch in den Mittelpunkt und verbindet Dunkelheit und Bedrohung mit Schutz, Wendung und neuer Hoffnung. Unterhalb des Fisches wird Jonas Entfernung von Gott sichtbar, während oberhalb Ninive und ein aus Psalmworten gebildeter Regenbogen erscheinen. Die Lernenden können zunächst frei beschreiben, anschließend einzelne Bildelemente der Jonaerzählung zuordnen und schließlich deren symbolische Bedeutung deuten. Auf diese Weise dient das Bild nicht lediglich der Illustration, sondern ermöglicht eine Zusammenschau der gesamten Erzählung und ihrer theologischen Fragen. Sensibilität ist insbesondere bei Gesprächen über Gewalt, Schuld und persönliche Erfahrungen erforderlich. Das Medium empfiehlt selbst einen behutsamen, theologisierenden Dialog und verzichtet angesichts möglicher Gewalterfahrungen von Lernenden bewusst auf weitergehende darstellerische Handlungen.
1. Kurze Inhaltsbeschreibung
Der Artikel aus zeitsprung (2/2023) von Rebecca Habicht stellt einen Unterrichtsvorschlag für die Klassenstufe 4 vor, der die Jonaerzählung in vier Modulen erschließt. Ausgehend von den Themen Schuld, Vergeltung und Güte werden die Stationen von Jonas Reise – Verweigerung, Fall, Gebet und die ausbleibende Zerstörung Ninives – narrativ erzählt und theologisierend reflektiert. Jedes Modul verbindet einen Erzählabschnitt (orientiert an der Gütersloher Erzählbibel) mit einem Arbeitsblatt und einem Unterrichtsgespräch. Die Einheit endet mit der offenen Frage Gottes: „Dürfen mir die Menschen nicht leidtun?" und ermutigt zur Positionierung. Als Exkurs wird die Arbeit mit einem Bild von Juliane Heidenreich (aus der Gütersloher Erzählbibel) empfohlen. Alle Arbeitsblätter sind auf der zeitsprung-Homepage verfügbar.
2. Didaktisch-methodische Hinweise
Klassenstufe: 4 (Lebensfrage 4/5: Fragen nach Orientierung und Wegweisung), mit Anpassungen auch für Klasse 3 und 5 geeignet.
Thematische Einordnung:
Die Einheit nutzt das Jonabuch als Spiegel für existenzielle Kinderfragen: Was ist das Böse? Darf man wütend auf Gott sein? Muss auf Schuld immer Strafe folgen? Die Ambivalenzen der Geschichte – Jona als Verweigerer und Eiferer, Gott als unverfügbar und mitfühlend, Ninive als böse und umkehrfähig – werden nicht aufgelöst, sondern als Denk- und Gesprächsanlass produktiv gehalten. Dieser Umgang mit Ambiguität ist für die Altersstufe entwicklungspsychologisch angemessen und religionspädagogisch wertvoll.
Aufbau der Unterrichtseinheit (4 Module):
Modul 1 – Die böse Stadt Ninive: Der Einstieg über die Frage „Was ist das Böse?" und das Aufbauen Ninives aus Bauklötzen mit Wortkarten ist handlungsorientiert und konkret. Der Verweis auf Gen 18 (Abraham handelt mit Gott) ermöglicht für Klassen mit Vorwissen eine sinnvolle Verknüpfung. Das Lehrerinnengespräch über Gottes Auftrag und Jonas Zweifel ist theologisch ergiebig: Hier beginnt die Auseinandersetzung mit Gottes Unverfügbarkeit.
Modul 2 – Jona fällt: Das Arbeitsblatt mit dem Faden (Jona kann vom Land über das Schiff ins Meer bis in den Fischbauch gezogen werden) ist eine kreative, handlungsorientierte Methode, die die Dramatik des Falls räumlich erfahrbar macht. Der Impuls „Für Jona geht's bergab" regt zur schrittweisen Erschließung der Stationen an, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen.
Modul 3 – Jona betet: Das Gebet Jonas (Kap. 2) wird gelesen, nicht nacherzählt – das ist eine bewusste Entscheidung, die den Bildcharakter der Psalmsprache wirken lässt. Die stille Phase für den eigenen Satz (ggf. mit meditativer Musik) gibt Schüler*innen Raum für persönliche Gottesbeziehung ohne Präsentationsdruck. Der optionale gemeinsame Vortrag der Sätze ist ein schönes rituelles Element.
Modul 4 – Ninive wird nicht zerstört: Die Positionierungsübung (drei Ecken: Jona stärken / Gottes Entscheidung stärken / eigene Sichtweise) ist methodisch stark: Sie macht Ambivalenz körperlich erfahrbar und gibt auch zögernden Schüler*innen eine Position. Die Frage nach den Opfern der Niniviten – wer steht für sie ein? – ist ethisch tiefgründig und für Klasse 4 durchaus zumutbar. Das Gleichnis vom Rizinusbaum wird gut eingebettet und nicht übererklärt.
Exkurs – Bild von Juliane Heidenreich:
Das Bild aus der Gütersloher Erzählbibel ist für eine abschließende Gesamtschau der Geschichte besonders geeignet: Es visualisiert Abgrund und Schutzraum, Entfernung und Nähe zu Gott zugleich. Die Bildbetrachtung ermöglicht eine integrative Wiederholung aller Stationen auf einer anderen Wahrnehmungsebene.
Methodische Stärken:
Die Erzählung durch die Lehrkraft (statt Vorlesen) ist für diese Altersstufe die richtige Wahl: Sie schafft unmittelbaren Kontakt und legt eine gute Grundlage für das Gespräch. Die Materialien (Bauklötze, Faden-AB, Gebet, Positionierung, Bild) sind methodisch vielfältig und sprechen unterschiedliche Lernwege an. Die offene Frage am Ende ist kein Fehler, sondern Programm: Sie hält die theologische Auseinandersetzung lebendig.
Hinweise zur Vorbereitung:
Bauklötze (oder Ähnliches) für den Aufbau Ninives in Modul 1 bereitstellen.
Für Modul 2 muss das Faden-AB vorbereitet werden (Schere, Faden, Klebepunkte o.Ä.).
Für Modul 3: meditative Musik vorbereiten; Psalmworte als optionales Zusatzmaterial.
Das Bild von Juliane Heidenreich ist in der „Gütersloher Erzählbibel – Die Bilder" enthalten – ggf. als Kopie oder Projektion verfügbar machen.
Alle Arbeitsblätter sind auf der zeitsprung-Homepage abrufbar.
Angesichts möglicher Gewalterfahrungen in der Lerngruppe wird bewusst auf darstellende Elemente verzichtet – diese pädagogische Entscheidung sollte von der Lehrkraft vorab reflektiert werden.