Das Medium eignet sich für einen queersensiblen Religionsunterricht in der Grundschule und kann auch in höheren Jahrgängen als Beispiel für unterschiedliche Bibelauslegungen verwendet werden. Es verbindet biblisches Lernen mit Identitätsbildung, Diskriminierungskritik, Menschenwürde und Vielfalt. Die Materialien sind jedoch keine vollständig ausgearbeitete Unterrichtsreihe. Sie dokumentieren die Erfahrungen einer Lehrkraft und müssen an Alter, Lesefähigkeit, religiöse Vorkenntnisse und soziale Zusammensetzung der jeweiligen Lerngruppe angepasst werden.
Der Beitrag stammt aus dem Jahr 2020. Einige Begriffe und Erläuterungen zu transidenten Menschen entsprechen nicht mehr uneingeschränkt einer gegenwärtigen sensiblen Sprache. Insbesondere darf nicht behauptet werden, transidente Menschen strebten in der Regel bestimmte medizinische Maßnahmen an. Transidentität beschreibt zunächst die persönliche Geschlechtsidentität eines Menschen. Medizinische Schritte sind individuelle Entscheidungen und keine Voraussetzung für Anerkennung.
Vor der Reihe sollte die Lehrkraft ein respektvolles Gesprächsklima sichern. Gemeinsam werden Regeln vereinbart. Niemand wird ausgelacht, niemand muss persönliche Erfahrungen offenlegen, abwertende Begriffe werden geklärt und korrigiert, und jede Person entscheidet selbst, welche Informationen sie über Identität, Körper oder Familie mitteilt. Falls Lernende selbst queer sind oder queere Angehörige haben, dürfen sie nicht zu Fachleuten der Klasse gemacht werden.
Als Einstieg dient die Autogrammjagd aus Arbeitsblatt 1. Die Lernenden suchen Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der Lerngruppe. Dabei können harmlose Kategorien wie Lieblingsessen, Freizeitbeschäftigung, Musik, Tiere oder Farben verwendet werden. Geschlecht, Herkunft, Religion, Behinderung und familiäre Lebensformen sollten nicht ungefragt als Suchkategorien eingesetzt werden. Die Übung soll Vielfalt sichtbar machen, ohne persönliche Merkmale auszustellen.
Nach der Autogrammjagd kann die Klasse untersuchen, welche Unterschiede sie interessant findet und welche Unterschiede manchmal zur Ausgrenzung führen. Die Lernenden erkennen, dass Verschiedenheit zunächst eine normale Eigenschaft jeder Gemeinschaft ist. Problematisch wird sie dort, wo Menschen aufgrund eines Merkmals abgewertet oder ausgeschlossen werden.
Als weiterer Einstieg wird die Geschichte vom Pinguin und der Taube verwendet. Die beiden Tiere lieben einander, obwohl andere Tiere ihre Verbindung ablehnen. Die Lernenden beschreiben zunächst die Figuren, ihre Gefühle und den Konflikt. Danach überlegen sie, warum die Klapperschlangen die Beziehung ablehnen und welche Antworten Pinguin und Taube geben könnten.
Arbeitsblatt 2 fordert dazu auf, einzelne Handlungen als mutig, feige, seltsam oder gut zu bewerten. Diese vorgegebenen Kategorien sollten kritisch erweitert werden, da der Begriff seltsam eine negative Bewertung nahelegen kann. Sinnvoller sind zusätzliche Möglichkeiten wie überraschend, liebevoll, verständlich, verletzend oder mutig. Die Lernenden dürfen eigene Begriffe ergänzen und ihre Auswahl begründen.
Arbeitsblatt 3 greift die Behauptung auf, Gott habe die Verbindung zwischen Pinguin und Taube nicht gewollt. Die Lernenden formulieren Antworten in Sprechblasen. Vorher sollte geklärt werden, dass niemand sicher über Gottes Willen verfügen kann. Religiöse Sprache kann Menschen schützen und stärken, aber auch zur Ausgrenzung missbraucht werden. Die Klasse untersucht deshalb, welche Folgen eine Aussage über Gottes Willen für andere Menschen besitzt.
Die Tiergeschichte kann ein niedrigschwelliger Zugang zu Vielfalt sein, darf aber nicht als naturwissenschaftlicher Beweis für menschliche Beziehungen verwendet werden. Die Anerkennung queerer Menschen gründet in Menschenwürde, gleichen Rechten und respektvollem Zusammenleben. Tierverhalten und menschliche Identität sind nicht gleichzusetzen.
Der Übergang zur Josefserzählung erfolgt über das besondere Gewand. Die Lernenden können zunächst verschiedene Übersetzungen von Genesis Kapitel 37 Vers 3 vergleichen. Je nach Bibelausgabe wird von einem bunten, langen, kostbaren, feierlichen oder ärmelreichen Gewand gesprochen. Dadurch erkennen sie, dass Übersetzungen unterschiedliche Deutungen enthalten.
Die im Medium vertretene Übersetzung als Prinzessinnenkleid ist eine mögliche moderne Auslegung, aber keine eindeutige Bedeutung des hebräischen Ausdrucks. Der Ausdruck bezeichnet ein besonderes Gewand und kommt auch in einer Erzählung über eine Königstochter vor. Daraus folgt jedoch nicht sicher, dass Josef sich als Mädchen verstand. Diese Unterscheidung zwischen Bibeltext, sprachlicher Beobachtung und heutiger Deutung muss transparent bleiben.
Die Lehrkraft kann mehrere Deutungsmöglichkeiten anbieten. Das Gewand kann die besondere Liebe Jakobs, einen hohen sozialen Rang, Schutz, Bevorzugung, Geschlechtergrenzen oder Josefs individuelle Identität symbolisieren. Die Lernenden prüfen, welche Deutung durch den Text gestützt wird und welche aus einer modernen Perspektive entsteht. So lernen sie, dass Bibelauslegung begründet werden muss und zugleich unterschiedliche Lesarten möglich sind.
Die Gestaltung des Gewandes eröffnet einen kreativen Zugang. Die Lernenden entwerfen ein Kleidungsstück, in dem sich Josef wohlfühlen könnte. Farben, Formen und Symbole werden begründet. Es sollte keine feste Zuordnung von Farben oder Kleidungsstücken zu einem Geschlecht geben. Ein Kleid macht keinen Menschen automatisch weiblich und eine Hose keinen Menschen automatisch männlich.
Der Bibliolog zur Übergabe des Gewandes ermöglicht einen Perspektivwechsel. Die Lernenden sprechen aus der Rolle Josefs und Jakobs. Josef beschreibt, wie sich das Geschenk anfühlt. Jakob erklärt, warum er es überreicht. Die Antworten werden nicht korrigiert, sondern als mögliche Stimmen innerhalb des Textes gewürdigt.
Ein Bibliolog sollte von einer entsprechend ausgebildeten Person geleitet werden. Fehlt diese Qualifikation, kann die Szene als einfaches Rollengespräch, Gedankenreise oder Schreibgespräch gestaltet werden. Die Rollen werden klar eröffnet und wieder verlassen. Kein Lernender muss eine Rolle übernehmen, die unangenehm wirkt.
Bei der Behandlung der Bevorzugung Josefs sollte die problematische Rolle Jakobs nicht übergangen werden. Seine besondere Zuwendung kann Josef stärken, verschärft aber zugleich den Konflikt zwischen den Geschwistern. Die Brüder tragen die Verantwortung für ihre Gewalt, dennoch können familiäre Ungleichbehandlung und fehlende Konfliktbearbeitung als Ursachen untersucht werden.
Der zweite Bibliolog thematisiert Hass, Entkleidung, Gefangenschaft und Verkauf. Diese Szene enthält körperliche und seelische Gewalt. Die Lehrkraft sollte sie altersgerecht erzählen und auf grausame Ausschmückungen verzichten. Lernende mit Erfahrungen von Mobbing, Gewalt oder familiären Konflikten benötigen Schutz und alternative Aufgaben.
Arbeitsblatt 4 lädt dazu ein, Aussagen der Brüder in Sprechblasen einzutragen. Dadurch können diskriminierende und verletzende Sätze sichtbar werden. Die Aufgabe darf jedoch nicht bei der Wiedergabe von Hass enden. Im Anschluss werden die Aussagen kritisch geprüft und in schützende Gegenstimmen verwandelt. Die Lernenden formulieren, was ein anderer Bruder, eine Zeugin oder Gott der Gewalt entgegensetzen könnte.
Die Gewalt gegen Josef darf nicht monokausal mit einer angenommenen queeren Identität erklärt werden. Im biblischen Text entstehen Neid und Hass aus Jakobs Bevorzugung, Josefs Träumen und den Beziehungen innerhalb der Familie. Eine queere Lesart kann zusätzliche Erfahrungen von Anderssein sichtbar machen, ersetzt aber nicht die genaue Analyse der Erzählung.
Für die Auswertung eignet sich ein Wirkungsgefüge. Die Lernenden ordnen Bevorzugung, Neid, fehlendes Gespräch, Gruppendruck, Entmenschlichung und Gewalt. Danach überlegen sie, an welchen Stellen der Verlauf hätte unterbrochen werden können. So entstehen Handlungsmöglichkeiten gegen Mobbing und Ausgrenzung.
Die Verbindung zu heutigen queeren Lebensrealitäten muss behutsam erfolgen. Queere Menschen erfahren weiterhin Beleidigung, Ausschluss und Gewalt. Dennoch darf nicht jede queere Biografie als Leidensgeschichte dargestellt werden. Ergänzend gehören Freude, Freundschaft, Familie, Glaube, Gemeinschaft, Selbstbestimmung und gelingendes Leben in den Unterricht.
Die Reihe sollte außerdem vermeiden, Josef als eindeutige historische Repräsentation heutiger Identitätsbegriffe zu präsentieren. Begriffe wie transident, nichtbinär oder queer stammen aus gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie können als heutige Deutungsperspektiven dienen, dürfen aber nicht ohne Weiteres auf eine antike Figur übertragen werden.
Die Geschichte kann mit dem Thema Menschenwürde verbunden werden. Jeder Mensch besitzt unabhängig von Geschlecht, Ausdruck, Kleidung oder gesellschaftlicher Anerkennung unverlierbare Würde. Im christlichen Verständnis wird dies mit der Gottesebenbildlichkeit begründet. Genesis Kapitel 1 Vers 27 kann dazu gelesen und auf Vielfalt bezogen werden.
Die Erzählung von Josef in Ägypten eröffnet eine Perspektive über das Opfersein hinaus. Josef gewinnt Handlungsmacht, deutet Träume, übernimmt Verantwortung und trägt zur Rettung vieler Menschen bei. Dabei sollte nicht behauptet werden, er müsse das erlittene Unrecht einfach vergessen. Versöhnung benötigt Erinnerung, Wahrheit, Verantwortung und Veränderung.
Der letzte Schwerpunkt behandelt vielfältige Gottesbilder. Arbeitsblatt 5 enthält Bibelverse, in denen Gott als Quelle, Versteck, Retterin, Licht, Schild, tröstende Mutter, Feuer, König und weidende Person erscheint. Die Lernenden suchen die Bilder, beschreiben ihre Wirkung und ordnen ihnen Gefühle oder Situationen zu.
Arbeitsblatt 6 sichert diese Bilder in einem Kreuzworträtsel. Vorher sollte deutlich werden, dass alle Gottesbilder metaphorisch sind. Gott ist nicht buchstäblich eine Quelle, ein Schild, eine Mutter oder ein König. Die Bilder bringen unterschiedliche Erfahrungen mit Gott zum Ausdruck und ergänzen sich gegenseitig.
Die Mischung weiblicher, männlicher und sachbezogener Gottesbilder kann stereotype Vorstellungen erweitern. Gott wird nicht auf ein Geschlecht festgelegt. Die Lernenden können eigene Gottesbilder gestalten und erklären, in welcher Situation dieses Bild hilfreich sein könnte. Auch Zweifel, Unsicherheit oder das Fehlen eines persönlichen Gottesbildes dürfen geäußert werden.
Der Unterricht kann mit der Frage abschließen, was eine vielfältige und gerechte Gemeinschaft auszeichnet. Die Lernenden formulieren Regeln gegen Ausgrenzung und entwickeln Handlungsmöglichkeiten für beobachtete Diskriminierung. Dazu gehören Widersprechen, Unterstützung holen, Betroffene nicht allein lassen und verantwortliche Erwachsene informieren.
Die Lehrkraft muss zwischen Diskussion und Schutz unterscheiden. Die Würde queerer Menschen ist keine offene Streitfrage. Verschiedene theologische Positionen können sachlich untersucht werden, aber die Abwertung konkreter Personen wird nicht zugelassen. Religionsfreiheit rechtfertigt keine Beschimpfung oder Diskriminierung.
Als Ergebnissicherung eignet sich ein Portfolio unter dem Titel „Das Leben ist bunt“. Darin sammeln die Lernenden Ergebnisse zur eigenen Vielfalt, zur Geschichte von Pinguin und Taube, zu Josefs Gewand, zu den Perspektiven der Brüder und zu den biblischen Gottesbildern. Persönliche Einträge bleiben geschützt und werden nur mit Zustimmung präsentiert.
Klassenstufe: 3–4 (Primarstufe, Grundschule), erschlossen aus dem Rahmenlehrplan-Bezug (Kompetenzbereiche des Ev. RU Berlin-Brandenburg, Teil B), der Altersangemessenheit der Methoden (Bibliolog, Figuren basteln, Lied als Einstiegsritual) sowie der Formulierung, die Lerngruppe sei eine Religionsgruppe der Grundschule, in der manche Kinder „noch nicht schreiben können".Curriculare Einbettung: Inhaltlich: Bibelarbeit zu Josef (Gen 37; 41), Gottesbilder, Identität und Selbstwerden (Rahmenlehrplan Teil B: „Wer bin ich? – Das Ich im Werden"). Kompetenzorientierung: Perspektivenvielfalt einer biblischen Erzählung entfalten; unterschiedliche Gotteserfahrungen darstellen; eigene Begründungszusammenhänge zu Identität und Identitätsdiskurs formulieren. Methodisch anschlussfähig an Theologisieren mit Kindern.Methodische Stärken: Der Bibliolog (Einfühlung in Josefs Rolle und die Rolle Jakobs) ist ein didaktisch anspruchsvolles, aber für die Altersgruppe überraschend gut funktionierendes Instrument – die Autorin dokumentiert dies mit konkreten Kinderstimmen, die die Erwartungen übertreffen. Das Lied „Das macht das Leben einfach bunt!" (Öko-Topia) fungiert als kohärenzstiftendes Einstiegsritual. Die Rahmenerzählung aus „An der Arche um Acht" bietet als Türöffner eine Distanz, die Kinder ermutigt, frei zu assoziieren.Besonderheiten: Das Herzstück des Entwurfs ist die queere Relektüre von Gen 37,3: Das hebräische Wort „kethoneth passim" bezeichnet nach Lübke nicht ein „buntes Kleid" (wie in älteren Übersetzungen), sondern das Gewand einer Königstochter. Dies eröffnet einen exegetisch fundierten, kindgerechten Zugang zu Transidentität und Nicht-Normkonformität in der Bibel, ohne Begriffe wie „queer" oder „trans" explizit einzuführen. Das Kreuzworträtsel zu Gottesbildern (AB 6) mit der „Bibel in gerechter Sprache" weitet den Gottesbildhorizont hin zu feminin-konnotierter Gottessprache (Mutter, Retterin, Quelle, Versteck).Differenzierung: Für schreibende Kinder: Denkblasen, Autogrammjagd, Kreuzworträtsel. Für jüngere/schreibunerfahrene Kinder: Sprechen für die Figuren, Nachstellen mit gebastelten Pinguinen. Lehrende ohne Bibliolog-Ausbildung können Rollenspiel einsetzen.Mögliche Unterrichtsszenarien: Sequenz über ca. 5 Stunden; sinnvoll in eine Einheit zu „Wer bin ich?" oder zu Josefgeschichte eingebettet. Einzelne Stunden (bes. Stunde 2 zum Bibliolog oder Stunde 5 zu Gottesbildern) auch als in sich geschlossene Impulse nutzbar.Grenzen: Die queere Perspektive ist der Einheit klar eingeschrieben; dies erfordert eine bewusste Haltung der Lehrperson. In konfessionell gemischten oder kirchenfernen Schulkontexten kann die explizit queere Lesart des AT erklärungsbedürftig sein. Der Entwurf enthält keinen expliziten Elternbrief o. ä., der den Kontext kommuniziert.