Das Medium eignet sich besonders für einen subjektorientierten und handlungsorientierten Religionsunterricht, da es die Lernenden nicht lediglich als Rezipierende biblischer Überlieferungen versteht, sondern sie als eigenständig deutende Subjekte ernst nimmt. Leitend ist ausdrücklich die Vorstellung, Kinder als Theologinnen und Theologen wahrzunehmen. Die Berliner Bibel bietet dafür einen besonders geeigneten Zugang, weil die dort dargestellten Geschichten bereits Interpretationen von Lernenden sind. Jede Auswahl einer Figur, jede Gestaltung eines Raumes, jede Sprechblase und jede fotografische Perspektive enthält eine Deutung des zugrunde liegenden Bibeltextes. Im Unterricht kann deshalb zunächst danach gefragt werden, was auf einem Bild zu sehen ist, welche Personen besonders hervorgehoben werden, welche Gefühle erkennbar sind und welche Aussagen den Figuren in den Mund gelegt wurden. Erst anschließend wird untersucht, wie diese Darstellung mit dem biblischen Text zusammenhängt. Dadurch erfahren die Lernenden, dass biblische Texte unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden können.
Als Einstieg eignet sich die im Medium vorgeschlagene Arbeit mit einem Bild aus der Berliner Bibel, dessen Sprechblase zunächst leer bleibt. Die Lernenden können Vermutungen darüber formulieren, wer dargestellt ist und welche Aussage die Figur treffen könnte. Dieser Zugang aktiviert Vorwissen und macht gleichzeitig deutlich, dass Bilder keine eindeutigen Bedeutungen besitzen. Die unterschiedlichen Vorschläge der Lernenden sollten zunächst gesammelt und nicht unmittelbar bewertet werden. Anschließend kann die ursprüngliche Sprechblase aufgedeckt und mit den Vermutungen verglichen werden. Dadurch entsteht ein erster Anlass für ein theologisches Gespräch über unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten.
Für die weitere Erarbeitung bietet sich Gruppenarbeit an. Verschiedene Gruppen erhalten jeweils eine Geschichte aus dem Lukasevangelium und die dazugehörige Comicseite der Berliner Bibel. Zunächst beschreiben die Lernenden die Handlung und halten fest, was sie durch die Darstellung über Jesus erfahren. Danach lesen sie den entsprechenden Bibeltext und vergleichen beide Fassungen. Der im Medium enthaltene erste Arbeitsbogen unterstützt genau diesen Dreischritt aus Wahrnehmung, inhaltlicher Erschließung und Vergleich. Die Lernenden sollen unter anderem untersuchen, welche Aspekte von den Gestaltenden des Comics besonders ausführlich dargestellt wurden und welche Elemente des biblischen Textes in der bildlichen Umsetzung weniger berücksichtigt werden. Damit wird eine wichtige bibeldidaktische Kompetenz angebahnt: Die Lernenden erkennen, dass jede Darstellung eines Bibeltextes bereits eine Auswahl und Interpretation darstellt.
Die einzelnen Gruppen können ihre Ergebnisse anschließend im Plenum präsentieren. Dabei sollte die Frage im Mittelpunkt stehen, was die jeweilige Geschichte über das Verhältnis von Gott und Menschen aussagt. Das Medium verbindet dazu unterschiedliche Texte des Lukasevangeliums miteinander. In den Geschichten begegnet Jesus beispielsweise Kindern, Kranken, Hungrigen, Ausgegrenzten und schuldig gewordenen Menschen. Auf diese Weise können die Lernenden über mehrere Erzählungen hinweg nach wiederkehrenden Vorstellungen von Gott und Jesus suchen. Der zweite Arbeitsbogen unterstützt diese Zusammenschau, indem die Lernenden zu den verschiedenen Geschichten Aussagen über das Verhältnis zwischen Gott und Menschen formulieren. Dabei sollte nicht auf eine einzige richtige Gottesvorstellung hingearbeitet werden. Vielmehr können Gemeinsamkeiten, Unterschiede und mögliche Spannungen zwischen den einzelnen Geschichten herausgestellt werden.
Didaktisch besonders ergiebig ist der Wechsel zwischen fremder und eigener Interpretation. Nachdem die Lernenden untersucht haben, wie andere Kinder biblische Geschichten dargestellt haben, entwickeln sie selbst eine bildliche Interpretation. Vorgeschlagen wird hierfür die Geschichte vom Vater und seinen zwei Söhnen aus Lukas 15. Die Lernenden lesen die Geschichte, erzählen den Handlungsverlauf in der Gruppe nach, gliedern den Text in Szenen und setzen sich mit den Gefühlen und Verhaltensweisen der beteiligten Personen auseinander. Dazu können Begriffe wie traurig, neidisch, erleichtert, treu, mutig, ängstlich oder liebend einzelnen Figuren zugeordnet werden. Ein Gefühlsbarometer ermöglicht eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Perspektiven der handelnden Personen. Anschließend überlegen die Lernenden, was Jesus mit dieser Geschichte über Gott erzählen wollte.
Die kreative Gestaltung einer eigenen Szene bildet einen wichtigen methodischen Schwerpunkt. Die Lernenden entscheiden, welche Situation der Geschichte sie darstellen möchten, welche Personen benötigt werden, wie der Hintergrund gestaltet wird und was die Figuren sagen oder denken könnten. Mit Figuren und Bausteinen wird anschließend eine Szene aufgebaut und fotografiert. Das ausgewählte Foto kann mit Sprechblasen, Denkblasen und weiteren Texten ergänzt werden. Entscheidend ist dabei weniger die ästhetische Qualität des Ergebnisses als die begründete Auswahl. Die Lehrkraft sollte deshalb immer wieder nachfragen, weshalb eine Figur an einer bestimmten Stelle steht, weshalb eine bestimmte Szene ausgewählt wurde oder warum einer Figur gerade diese Worte zugeschrieben werden. Auf diese Weise wird das kreative Gestalten zu einem theologischen Deutungsprozess
Die fertigen Bilder können in einem Rundgang betrachtet werden. Dabei sollten die Lernenden zunächst beschreiben, was sie wahrnehmen, bevor die jeweilige Gruppe ihre Entscheidungen erläutert. Unterschiedliche Darstellungen derselben Geschichte sind besonders wertvoll, da sie unmittelbar verdeutlichen, dass ein biblischer Text verschiedene Deutungen ermöglicht. Anschließend können die Interpretationen miteinander und erneut mit dem biblischen Text verglichen werden. Das Medium schlägt für die Präsentation ausdrücklich einen Gallerywalk vor.
Zur Ergebnissicherung bietet sich eine gemeinsame Sammlung von Aussagen über Gott an. Die Lernenden können beispielsweise Satzanfänge wie „Gott ist für mich …“, „Die Geschichte zeigt Gott als …“, „Jesus erzählt von einem Gott, der …“ oder „Ich frage mich, ob Gott …“ vervollständigen. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Aussage eines biblischen Textes, der Interpretation der Berliner Bibel und der eigenen Position der Lernenden. Dadurch lernen sie, fremde Gottesvorstellungen wahrzunehmen und zu deuten, diese mit eigenen Vorstellungen in Beziehung zu setzen und eine persönliche Position zu formulieren. Der im Material vorgesehene abschließende Brief an einen Freund oder eine Freundin, in dem die Lernenden erklären, was sie selbst über Gott denken, eignet sich besonders für diesen Transfer. Insgesamt verbindet das Medium damit Bibeldidaktik, Kinder und Jugendtheologie, ästhetisches Lernen, kreatives Gestalten und theologisches Gespräch und ermöglicht eine differenzierte Auseinandersetzung mit Gottesvorstellungen im Lukasevangelium.
Klassenstufe: 4–7, in unterschiedlichen Niveaustufen durchführbar; für Klasse 4–5 empfiehlt sich ein stärkerer Fokus auf die Bildebene der Comics, für Klasse 6–7 kann die lukanische Theologie als Leitfrage expliziter thematisiert werden.
Thematische Einordnung:
Die Einheit verfolgt einen kindertheologischen Ansatz: Schüler*innen werden als Theologinnen und Theologen ernst genommen, die eigene Gottesvorstellungen haben und reflektieren können. Die Berliner Bibel ist dabei nicht nur Arbeitsmittel, sondern auch Identifikationsangebot – Kinder lesen, was andere Kinder über biblische Texte gedacht und dargestellt haben. Das motiviert zur eigenen Auseinandersetzung. Die lukanische Theologie (Hinwendung Gottes zu den Kleinen, Kranken, Verlorenen; Jesus als Erniedrigter und Erhöhter; Geist Gottes als treibende Kraft) wird nicht abstrakt gelehrt, sondern an konkreten Geschichten erarbeitet.
Aufbau der Unterrichtseinheit (2 Schwerpunkte):
Schwerpunkt A – Mit Bibelcomics von Gott erzählen: Der Einstieg über das erste Bild der Berliner Bibel mit leerer Sprechblase ist didaktisch klug: Er aktiviert Neugier und Deutungsbereitschaft, bevor der Text überhaupt gezeigt wird. Die arbeitsteilige Gruppenarbeit (jede Gruppe erschließt einen der zehn Texte mit Arbeitsbogen 1) ermöglicht einen breiten Überblick über das Evangelium, ohne jeden Text im Plenum zu behandeln. Arbeitsbogen 2 sichert die Ergebnisse und führt zur theologischen Leitfrage: Was sagt Lukas über das Verhältnis von Gott und Mensch? Die abschließende Aufgabe – ein Brief an eine Freundin oder einen Freund, in dem die eigene Gottesvorstellung erklärt wird – verbindet Texterkenntnis mit persönlicher theologischer Reflexion.
Schwerpunkt B – Das verlorene Gleichnis selbst darstellen: Die Parabel vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) wird bewusst gewählt, weil sie in der Berliner Bibel fehlt – die Schüler*innen sind hier die Ersten, die sie als Comic gestalten. Das ist eine starke motivationale Rahmung. Arbeitsbogen 3 führt schrittweise durch Texterschließung, Figurenanalyse (Begriffe zuordnen, Gefühlsbarometer), theologische Deutung und schließlich die kreative Bildgestaltung mit Bausteinen, Figuren und Kamera. Der Gallery Walk ermöglicht Vergleich und Diskussion der unterschiedlichen Interpretationen. Die handwerklich-ästhetische Aufgabe (Szene aufbauen, fotografieren, Sprech- und Denkblasen gestalten) ist für diese Altersstufe sehr motivierend.
Methodische Stärken:
Die Einheit verbindet Rezeption (Bibelcomics lesen und deuten) mit Produktion (eigene Comic-Szene gestalten) und schafft damit eine echte Lernbewegung. Der kindertheologische Ansatz ist konsequent umgesetzt: Schüler*innen deuten, bevor sie erklären. Die Möglichkeit, die Einheit am Kirchenjahr zu orientieren oder unabhängig davon einzusetzen, gibt Lehrkräften Flexibilität. Das Ausleihangebot der vCBA (Bausteine, Figuren, Berliner Bibel als Klassensatz) senkt die Vorbereitungshürde erheblich.
Hinweise zur Vorbereitung:
Die Berliner Bibel „Erzähl von Jesus – Lukas" muss bestellt oder als Klassensatz bei der vCBA ausgeliehen werden (www.canstein-berlin.de/kontakt).
Kopiervorlagen für Bibelcomicseiten und Arbeitsbögen sind auf der vCBA-Homepage verfügbar – frühzeitig herunterladen.
Für Schwerpunkt B: Bausteine, Figuren, Kamera (Handy reicht), Hintergrundpapiere oder Stoffe, Fotodrucker bereitstellen.
Für Klassen ohne Vorerfahrung mit Comics als theologischem Medium empfiehlt sich eine kurze Einführung in die Frage, was Bilder über Texte aussagen können (und was nicht).